Meine erste Liebe (1931)

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Marlene Dietrich Collection Gmbh

 

Henny Porten

Lange, lange, bevor ich als Schauspielschülerin in ein Filmatelier geriet, um dort zu statieren – da war ich mit Grete Mosheim hinbestellt worden, und wir waren beide durch den damaligen Filmregisseur Sieber, der heute mein Mann ist, von der Reinhardtschen Schauspielschule ausgeborgt worden, um Bacchantinnen in einer lockeren Abendgesellschaft zu mimen – war ich dem Film verfallen. Oder vielmehr einer Frau, die für mein Schulmädchenherz die absolute Erfüllung von Frauentum und Schauspielkunst bedeutete. Das war Henny Porten, die damals Triumphe im Wandernden Licht  (1916. Regie: Robert Wiene) und in der Claudi vom Geiserhof (1917. Regie: Rudolf Biebrach) feierte. Henny Porten, das war vom ersten Mal an, da ich ihr lachendes Gesicht auf der Leinwand sah, das Schönste, was ich kannte. Und mit ihr begann eine Zeit der Aufregungen und Abenteuer, die heute noch dasselbe Herzklopfen heraufbringt, wenn ich an sie denke, wie in jenen Tagen.

Ich ging in die Auguste-Victoria-Schule in der Nürnberger Strasse. Oft noch versuche ich in Träumen die riesige, schwere Schultür aufzumachen, die wir kleinen Mädels gar nicht so richtig mit der Klinke aufdrücken konnten. Wie andere vom Examen träumen, erscheint mir diese Tür immer wieder, und ich sehe mich mit dem Rücken dagegenstoßen, die Beine gegen den Boden gestemmt, und dann, wenn sich ein wenig nach vielfachem Gegenbumsen glücklich ein Spalt geöffnet hat, durchschlüpfen. In die Freiheit, in die Sonne der Straße und in den Konfitürenladen gegenüber, wo ich heute noch das Zuckerzeug für meine Tochter Heidede kaufe.
Ganz in der Nähe war noch ein Laden. Da gab es die herrlichsten Künstlerpostkarten, darunter eine Menge von Henny Porten. Und ich nahm sie mit nach Hause, malte sie mit Eiweißfarben aus, und dann begab ich mich auf meinen Posten hinter der Litfasssäule in der Matthäikirchstrasse, wo nicht nur Henny Porten, sondern auch meine Großmutter wohnte. Wie schön waren dadurch meine heimlichen Spaziergänge zu begründen. Die andern Mädels waren ja viel frecher. Sie gingen einfach auf Henny Porten zu, machten einen Knicks und sagten „Guten Tag!“. Das traute ich mich nicht. Erst wenn sie herankam, flitzte ich hinter der Säule hervor, drückte ihr die ausgemalte Karte in die Hand, stotterte: „Da, bitte!“ und stürzte davon.
Ich malte aber nicht nur die Postkarten, sondern ich kaufte zum Beispiel auch von meinem Taschengeld wundervolle Cremeschnitten, und die bekam Henny Porten bei ihren Premieren in die Loge hinaufgeschickt. Wie sie ihr geschmeckt haben, weiß ich allerdings nicht. Meine Mutter merkte bald die große Leidenschaft, und eines Tages nahm sie für die ganze Familie bei einer Porten-Premiere die große Loge., die neben der Porten-Loge lag. Dieser Tag wurde, ohne dass ich es geahnt hatte,  ein berauschender Triumph für mich. Einige Monate vorher hatte ich nämlich ein Gobelinkissen für Henny gearbeitet und ihr zugeschickt. Und was erblickte ich im Film? Wohin fiel sie im Höhepunkt der Leidenschaft in Ohnmacht? Mitten auf mein Gobelinkissen. Und ich kniff meine Mutter in den Arm und trompete in den Mozart-Saal: „Mutti, sieh mal, sie fällt auf mein Kissen.“ Das war das Glück.
N72_20Dann hatte Henny Porten Geburtstag. Schon ehe ich nach Weimar zum Musikstudium ging, hatte ich als Kind immer Geige gespielt. Und was gelingt nicht der Energie eines liebenden Kinderherzens?! Am Geburtstag stand ich draußen im Korridor von Henny Portens Wohnung ud spielte das rührendste Lied , das ich kannte, das „Engelslied“ von Braga. Und wie es im Märchen heißt: Mit einem Male ging die Tür auf, Henny Porten erschien und fragte, strahlend über das ganze Gesicht: „Wollen Sie nicht mir mir frühstücken?“
Erstens sagte sie „Sie“ und zweitens „Frühstücken“. Gefrühstückt habe ich nichts. Und gesagt habe ich auch nichts, sondern ich habe nur auf der Stuhlkante gesessen und von Zeit zu Zeit gesagt: „Jetzt muß ich aber gehen!“ So schön war es.
Dann kam ich nach Mittenwald in Pension. Da gab es nicht mehr viel Filme zu sehen. Aber der Traum blieb. Und eines Tages wiederholte sich die Berliner Situation. Die Fremdenlisten lagen immer im Speisezimmer, auch die Fremdenlisten der großen Kurorte in der Umgebung. Wir lasen die Namen, die pompösen fremdländischen Namen, die darunter waren, und die Namen der vielen fernen Städte, die wir Mädels alle einmal sehen wollten. Und dann traf der die Kolumnen herabgleitende Finger unter „Eingetroffen“ eines Tages die Zeile: Henny Porten, Berlin.
Das Reglement der Pension war streng. Man hatte mit den Wünschen eines Backfischs wenig Einsehen. Da kroch es des Morgens über eine nachts sorgfältig neben das Fenster gestellte Leiter aus dem Zimmer, romantisch seine Geige unter dem Arm, und dampfte mit dem ersten Frühzug nach Garmisch. So kam Henny Porten zu ihrem zweiten Geigenständchen.
Als ich vor einigen Monaten aus Hollywood zurück kam und so froh war, daß ich nun vieles schon hatte, was ich mir einst gewünscht, und auf dem Zoo stand, glücklich, in diesem Berlin zu sein, das ich niemals aus meinem Blut loswerden werde, kam mir von ungefähr der Gedanke: Eigentlich, wie das alles noch nicht so war, das Bekanntsein und die vielen Fotografien und das Hin- und Herreisen von Stadt zu Stadt, mit der Verbeugung vor dem Vorhang bei den Premieren – da war es doch eigentlich beinahe schöner. Man hatte mehr Möglichkeiten für seine Sehnsucht.

Mit Henny Porten habe ich aber jetzt häufiger sprechen können. Freilich, ehrlich gestanden, bin ich immer noch ein bissel befangen. Das Fahrstuhlgefühl, das man in der Jugend bekommt, wenn man einem Menschen, den man verehrt, begegnet, das hält sich eben bei den echten Beziehungen künstlerischer Verehrung für das ganze Leben.

In: Tempo, Berlin, Nr. 79, 4. April 1931
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