Die Herrin der Welt. 1919. Regie: Joe May

Mia May in „Die Herrin der Welt“

Anonym: Mit der Stadtbahn um die Welt.
Die sagenhafte Stadt Ophir – Florenz in Weissensee
In: Der Film, 27. 9, 1919, Nr. 39

Wir haben es wirklich herrlich weit gebracht. Die Hamburg-Amerika-Linie, der Norddeutsche Lloyd, Zeppelin und Flugzeug sind wieder einmal übertrumpft. Mit der Stadtbahn fährt man in wenigen Stunden durch die ganze Welt. Man löst z. B. am Bahnhof Zoo um 9 Uhr eine Fahrkarte nach Erkner und ist bereits um ½ 11 Uhr in Afrika.

Man sieht sogar etwas, was bisher keines Sterblichen Auge erblickt, nämlich die Stadt Ophir, in der der König Salomon die Königin Saba begrüßt. Wir lernen den König Salomon kennen, der, dem Geiste der Zeit folgend, abends bei Nelson tingelt und ein Monokel trägt. Die Königin Saba ist mit einem Maler verheiratet und die Anführer der jüdischen Krieger, bepanzert und bewehrt, waren gestern noch Frackherren im Neubabelsberger Bioscop-Atelier.

Wir erblicken ein Kafferndorf vor uns. Einen Ort, den manche Leute sehr ungern betreten, denn schließlich könnte man verwechselt werden, nicht etwa, weil man so aussieht, sondern weil die anderen nicht wissen, wie der Originalkaffer von innen und außen beschaffen ist. Die geographischen Begriffe verwirren sich vollständig, denn links von Afrika liegt China und direkt neben China erhebt sich, echt berlinerisch, eine Kantine mit den üblichen Bier- und Limonadenmarken. Das ist nicht etwa alles modellierte Imitation, sondern originalgetreu und originalgroß zu besichtigen und zu betreten. Auf den Stufen des Tempels von Ophir sammeln sich Tausende von Menschen, die anbetend niederknien und viel hundert Tauben gen Himmel flattern lassen, als Trägerin vieler Wünsche, die sie aufschwingen sollen zu Gott.

Einer der spannendsten Momente das ganzen Riesenwerkes ist die Zerstörung der Stadt Ophir, der Residenz der Königin von Saba, durch ein Erdbeben. Während Priester, Soldaten Sklaven und Volk die Tempelstadt beleben, bricht das Naturereignis herein. Dampf wallt auf, Explosionen ertönen, und krachend stürzt der Tempel zusammen. (Das heißt, er stürzte nicht so, wie er sollte!) Auf den Stufen liegen wirr durcheinander die Leichen der Erschlagenen. Das im Mittelpunkt der Handlung stehende Paar wird durch ein Riesenflugzeug gerettet

Ein wundersames Paar schreitet durch die Menge. Der dänische Gesandte und eine Frau, die nach Aussage des Herrn Fellner es bis zur Herrin der Welt bringen wird. Vorläufig steht sie aber noch sehr unter dem Pantoffel, denn sie muss genau das tun, was Joe May und Uwe Jens Krafft wollen. Diese beiden Menschenkinder sind auch noch nicht gerade Herren der Welt, aber doch bis zu einem gewissen Grade Herren von Woltersdorf. Der dänische Gesandte heißt übrigens Bohnen und in engsten Familienkreise Michel. Zu Fuß zu Pferd, zu Schiff und per Automobil sausen der Stab und die Ordonnanzen durch das Gelände. Wer zählt die Hilfsregisseure? Wer kennt ihre Namen? Es gibt einen Krokodilteich und einen Götzen mit einem Riesenmund. Man erzählte die fabelhaftesten Sachen, von einem Riesenflugzeug von 56 Meter Spannweite, vom Tempeleinsturz, von Krokodilen, Negern und Chinesen, hört fachwissenschaftliche Abhandlungen von Jacobi – Boy, denen man andachtsvoll zuhört, ohne all diese chinesischen, arabischen, hindostanischen Fachausdrücke zu behalten, ist im Sanatorium zu Abend und fährt meist am anderen Morgen wieder nach einer Luftkur nach Deutschland zurück. Fahrzeit eine Stunde und die übliche Stadtbahnverspätung,

Man nimmt zwanzig Pfennig und fährt Straßenbahn oder lässt sich, was viel bequemer ist, von der Decla ein Auto stellen; dann ist man in Florenz. Der Baurat Jaffé erklärt die Gegend, weil der Pharusplan von Florenz infolge Papierknappheit und wegen eines Streikes der Druckerei nicht rechtzeitig fertiggestellt worden ist. Vor mir steht der Palazzo Vecchio, rechts davon sind die Uffizien, und daneben erhebt sich die Loggia di Linzi, der Unterkunftsraum für die deutsche Wachmannschaft des Herzogs von Medici,

Wir haben Pech, denn es herrscht gerade Pest in Florenz. Aber darum lässt sich Rippert nicht aus der Ruhe bringen, und deshalb schmeckt Sternheim und Pommer das Butterbrot doch noch. Man wird allen möglichen und unmöglichen Leuten vorgestellt, wartet drei Stunden und sieht dann eine Prozession. Die Musik spielt ein Intermezzo aus “Cavalleria rusticana”. Das heißt, eigentlich ist Musik für dieses Konglomerat von Tönen noch eine äußerst milde Bezeichnung. Die Prozession kommt. Die einen sagen: Sehr schön, die anderen: Gott sei Dank! Man steht sich eben nicht gern die Beine in den Leib. Die üblichen humoristischen Momentbilder, wie etwa der florentinische Priester mit dem Kneifer oder ein Bettler mit einem eleganten Uhrenarmband. Mehr oder weniger deftige Bemerkungen, ein Sturm auf das Rathaus, das Ganze ein Begriff von den tadellosen Massenszenen im Decla-Film Die Pest in Florenz. Imponierend vor allem immer wieder die Gediegenheit und Echtheit der mittelalterlichen Kostüme (Warum haben wir immer noch nicht den farbigen Film?) und die sorgfältige Nachbildung auch scheinbar belangloser Kleinigkeiten im Aufbau des Stadtbildes. Momente, die im Verein mit den hervorragend bewegten Massen eine fabelhafte Bildwirkung im Film ergeben müssen.