Martina. 1949. Regie: Arthur Maria Rabenalt

Martina_PlakatRazzia in der Pension „Eterna“, einem verkappten Bordell der Nachkriegsjahre. Tinny Kusczinsky (Jeanette Schultze) ist schon häufiger aufgegriffen worden; jetzt kommt sie in ein Erziehungsheim. Tinny hat, so behauptet sie vor Gericht, keine Verwandten mehr; aber auf dem Gerichtsflur begegnet sie ihrer Schwester Irene (Cornell Borchers). Irene ist Psychologin, arbeitet mit dem Mediziner Professor Rauscher (Werner Hinz) zusammen und wird von dem schwedischen Fotografen Volker (Siegmar Schneider) hofiert. Irene findet Tinny, die eigentlich Martina heißt, im Fürsorgeheim; Martina ist bockig und verschlossen, kann aber auch schlagfertig und kess sein. Sie hat sich eine neue Identität zugelegt, will nicht darüber reden, was sie durchgemacht hat und flieht

aus dem Erziehungsheim zu Irene. Es gibt eine kleine Weihnachtsfeier, mit Professor Rauscher, Volker und dem Kunstkritiker Dr. Victor Mühlen (Kurt Vespermann). Tinny provoziert und zeichnet Karikaturen der Männer. „Sie haben ein Kapital in Händen“, urteilt der Kunstkritiker. Volkers Bilder sind in Illustrierten erschienen. „Zeichnen Sie nicht ein ganz einseitiges Bild von Deutschland?“, fragt Professor Rauscher. „Ihr kommt nach Deutschland wie in einen Zoologischen Garten“, pflichtet ihm Irene bei. „Ich glaube, Sie haben keine Ahnung, wie interessant heute Deutschland ist“, erklärt Volker. „Shanghai ist nichts dagegen. Was ist schon dabei, wenn wir Schoko-Ladies und Chesterfield-Girls knipsen? Wir verdienen gutes Geld und außerdem machen wir noch für die Frolleins Propaganda.“ Platten werden aufgelegt, es wird getanzt; aber wie immer, wenn moderne Tanzmusik läuft, heißt es irgendwann: „Stell das Gedudel aus.“ Nach einem Streit verlässt Tinny ihre Schwester und zieht bei Volker ein. Sie verlieben sich und Martina erzählt zum ersten Mal von ihren schlimmen Erlebnissen. Heimlich hört sie ein Gespräch zwischen Volker und Irene, in dem Irene Volker eröffnet, dass Martina ihre Schwester ist. Wieder flieht Martina, diesmal zurück ins Heim. Als sie entlassen wird, weiß sie sich keinen anderen Rat, als  zurück zu ihrem Zuhälter Donny (Albert Hehn) zu gehen. Donny plant, Falschgeld in Umlauf zu bringen und bedroht den Besitzer einer Druckerei. Martina ist entsetzt, flieht aus der Pension und wird von einem Auto angefahren. Professor Rauscher muß sie operieren. Unter Narkose befragt Irene ihre Schwester nach ihren Erlebnissen. Martina erinnert sich an den Versuch einer Vergewaltigung, vor der Donny sie gerettet hat. Aber Donny redete Martina ein, dass sie den Vergewaltiger ermordet hat. Diese Schuld hat sie aus der Bahn geworfen. Nach der Operation ist Martina seelisch und körperlich geheilt. Sie findet mit Volker zurück ins Leben und Irene erhört endlich Professor Rauscher.

Jeanette Schultze

Jeanette Schultze

Cornell Borchers und Jeanette Schultze

Cornell Borchers und Jeanette Schultze

Hier wird aufgeräumt, Schutt und Schuld abgetragen wie in einem Schnell-Restaurant. Irene hat die Beziehung zu Volker zunächst „als eine Frage der Hygiene“ angesehen, Martina ist nicht etwa aus Not, sondern wegen eines Schuldkomplexes zum „Frollein“ geworden und schließlich wird die vermeintliche Schuld in gemeinsamer Anstrengung von Chirurg und Psychoanalytikerin herausoperiert. An die Stelle von Liebe und Erotik soll die „Kameradschaft zwischen den Geschlechtern“, sozusagen die Vernunftehe treten. Dennoch ist in „Martina“ mehr Zeit- und Alltagsgeschichte, mehr Überlebensmoral konzentriert als in vielen anderen Filmen dieser Zeit. „Martina“ ist ein kleiner Gebrauchs-Film, ein B-Movie, das es in der Bundesrepublik aber in dieser Funktion gar nicht gab und mit dem man es sich besonders leicht machen kann.
Der schwedische Peter Tennissen studiert bewundert die Fotoreportagen seiner amerikanischen Kollegen in der „Life“. Sonst fehlen jegliche Anspielungen auf Amerikaner und „Frolleins“. „[Der Film] wurde der amerikanischen Besatzungsmacht in einem Augenblick vorgelegt, als von Washington strenge Anordnungen angelangt waren, die Reputation der amerikanischen Belange in allen Darstellungen peinlichst zu wahren und jede Diskriminierung der US Army streng zu ahnden. […] Alles auf die amerikanische Besatzung Bezügliche musste herausgeschnitten werden, der Anteil einer Okkupationsmacht an den sozialen und sexuellen Umständen wurde eliminiert.“ (Arthur Maria Rabenalt: Ex Improviso. Zwischen den Fronten des Nachkrieges 1945 – 1950. Selbstverlag, S. 190). Die Selbstauskünfte Rabenalts sind immer mit besonderer Vorsicht zu behandeln. Ist der Film tatasächlich kräftig gekürzt worden? Laut Drehbuch nehmen an der Razzia im Bordell auch zwei MPs teil und bei der Flucht aus dem Fürsorgeheim steigt Martina in das Chevrolet eines Amerikaners ein. Die MPs gibt es nicht mehr und der Fahrer ist nicht als Amerikaner zu erkennen. Das ist schon alles.

vlcsnap-2016-06-15-00h24m02s97Rabenalt, nach dem Vorbild des Bergarbeiters Adolf Hennecke, der in der DDR sein Arbeitssoll übererfüllte, auch Regie-Hennecke genannt, drehte den Film in kürzester Zeit, routiniert, konventionell und mit geringen Mitteln während der Berliner Blockade, neben seiner Tätigkeit als Intendant des „Metropol-Theaters“. Martina ist fast ein Kammerspiel, in dem Schatten von Fensterkreuzen Bildtiefe definieren und Dialogszenen mit Spiegeleffekten akzentuiert werden. Jeanette Schultze und Cornell Borchers waren Entdeckungen von Rabenalt; Borchers wurde statt Hildegard Knef auf Grund dieses Films für The Big Lift engagiert.

DATEN
DVD in der Edition Deutscher Spielfilm [10 DVD-Paket] bei Icestorm

Ergänzungen und Konkretisierungen zu filmportal:
Mit Dieter Angermann (Gerhard Rauscher), Kurt Vespermann (Dr. Victor Mühlen), Antonie Jaeckel (Leiterin der Pension Eterna), Ursula Krieg (Heimleiterin der Fürsorge), Margarete Kupfer (Die Tante), Walter Strasen (Erster Justizwachtmeister), Hugo Kalthoff (Zweiter Justizwachtmeister), Erik Sylvester (Bildredakteur), Alfred Beierle (Totalisator), Isolde Lauge (Frau im Garagenhof), Herbert von Bocksberger (Oberarzt), Ruth Breitag (Schwester) Dila Bläsche-Oscheid (Hilfsschwester)
Standfotos: Hans Schaller; Regieassistenten: Werner Schulz, Hans Joachim Wiedermann; Kameraassistenten: Thomas Kapiewicz, Karl-Heinz Linke; Hilfsarchitekt: Max Bieneck; Produktionssekretärin: Erika Juds; Ateliersekretärin: Brigitte Dittner; Filmgeschäftsführer: Kurt Rose; Filmkleberin: Herta Fritsche; Außenrequisite: Max Linde, Franz Lingnau; Innenrequisite: Paul Prätel; Maskenbildner: Adolf Doelle (Herren), Eva Schreckling (Damen); Garderobier: Walter Schreckling; Garderobiere: Lisa Willweber; Aufnahmeleiterpraktikant: Dieter Hasenpusch; Schneiderin: Else Matschke; Fahrer: Helmuth Schramm; Requisitenfahrer: Adolf Kirschke; Presse: Kurt Rabe
Drehzeit: Januar/Februar 1949, Tempelhof-Ateliers Berlin
Uraufführung: 8. Juli 1949. Kammerlichtspiele München