Wolfgang Fischer: Marlene Dietrich (1924)

Dies ist meines Wissens der erste größere Artrikel, der über Marlene Dietrich veröffentlicht wurde. Der „Riesenerfolg“ von Der Mensch am Wege war allerdings eine große Übertreibung. Der Film lief fast gar nicht in den Kinos und gilt heute als verschollen.
Sperrungen im Originaltext sind aufgehoben, stattdessen sind die Worte unterstrichen. Das Foto stammt aus der Zeitschrift.

Während das große Publikum die unbedeutenden, künstlich „gemachten“ Rias, Dias und Pias in- und auswendig kennt, gibt es auf der anderen Seite eine erhebliche Anzahl Künstler, wirkliche Künstler, deren bloßen Namen „man“ noch nicht einmal weiß. Eine traurige, aber leider wahre Tatsache. Wie kurze Zeit ist es beispielsweise her, dass die große Masse von dem Vorhandensein unserer heut so gefeierten Werner Krauss und Alfred  Abel keinen blassen. Schimmer hatte? Und ehrlich gesagt: Wer kennt heute Marlene Dietrich? Gewiß, das Berliner Theaterpublikum hat die Dietrich schätzen gelernt, aber das große Filmpublikum? Keine Ahnung! Gewiß, Marlene Dietrich ist noch jung, sehr jung sogar (21 Jahre), hat erst in einigen Filmen mitgewirkt – und dennoch. Erinnert Ihr Euch der einfach grandiosen Leistung der rotblonden Marlene als Bauernmädel in dem Dieterle – Film Der Mensch am Wege dieser blendenden Leistung, die die junge Darstellerin mit einem Schlage in die Reihen unserer Ersten stellte? Seht Ihr noch das liebe, gute, unschuldige Naturkind mit den großen, treublickenden Guckaugen? – Mir wird diese treffliche Verkörperung einer Rolle unvergesslich sein. – Ja, früher hatten es die sogenannten „Stars“ leichter. Da gab es Vorschusslorbeeren in Hülle und Fülle, da wurde, bevor noch die „Zukunftshoffnung“ überhaupt vor dem Kurbelkasten gestanden hatte, so lange Reklame getrommelt, bis Herr Schulze aus Kötschenbroda und Fräulein Niedlich aus Pinne an der Knatter von dem ungeheuren Talent der “Diva” fest überzeugt waren. Namen nennen? Unsinn. Die meisten dieser „gezüchteten” Herrschaften sind ja Gottlob im Strudel der Vergessenheit untergetaucht. Sanft mögen sie da ruhen!

Mein Bestreben wird es sein, jungen, noch unbekannten, aber talentierten Künstlern den Weg ins Freie, in die Oeffentlichkeit, zur Popularität zu bahnen. Und besonders gern tụe ich es in einem Falle, wenn nicht nur der begabte Künstler, sondern auch der Mensch, „Qualitäten“ aufweist. Marlene Dietrich weist diese Vorzüge  auf. Jung, hübsch, fidel, gut angezogen, liebenswürdig, charmant, treuherzig in die Welt blickend, von großer Natürlichkeit, absolut nichts „Gemachtes“, muß man sie mit dem Sammelnamen „ein lieber Kerl” bezeichnen. Und davon bin ich überzeugt: eines schönen Tages hat sich dieses goldige Menschenkind auch Euer aller Herz erobert und ist der erkorene Liebling des deutschen, des internationalen Kinobesuchers geworden.

Alle erforderlichen Eigenschaften hierfür sind ja überaus reichlich vorhanden.
Marlene Dietrich ist erst seit 1922  bei der Bühne. Studierte anfangs Musik – verknaxte sich (überspielte sich dann die Hand, verbesserte Marlene!) und kam so ans Deutsche Theater, späterhin an die Meinhardt- Bernauer – Bühnen. Ihr „Fach” natürlich die Sentimentale. Besonders schöne Erfolge hatte sie in “Vetter Eduard” (Komödienhaus), „Zwischen neun und neun” (Theater in der Königgrätzer Straße),  im „Sommernachtstraum“” und in „Wenn der junge Wein blüht” (in welchem Stück sie fünfzigmal mitwirkte) aufzuweisen. Einem Engagementsangebot  nach Frankfurt a. M. ans dortige Schauspielhaus konnte Marlene Dietrich nicht Folge leisten, da sie ab Oktober wiederum für die  Meinhardt- Bernauer – Bühnen verpflichtet ist. Bis dahin wird pausiert, d. h. kein Theater gespielt.

An Filmtaten wären neben dem Riesenerfolg in Der Mensch am Wege noch eine kleinere Rolle in Tragödie der Liebe und eine größere im Jacoby-Film So sind die Männer zu registrieren.

Wolfgang Fischer in: Neue illustrierte Filmwoche, Nr. 22, 1924