Dr. Eugen Tannenbaum: Sauberkeit (1923)

Kritisieren heißt scheiden. Nicht entscheiden. Das besorgt letzten Endes das Publikum. Sondern unterscheiden. Zwischen Kunst und Kitsch. Zwischen Echtem und Aufgebauschtem. Zwischen Kulturwert und Geschäftsmache. Kritisieren heißt anstacheln, vorwärts treiben, Sonderartigem seinen Platz anweisen, die künstlerische Berechtigung eines Films dartun, Probleme diskutieren und klären helfen
Aber kritisieren heißt auch: belehren, sagen, wie’s nicht gemacht werden darf, ablehnen. Freilich nicht nach Art jener Leute, von denen Hebbel meint, dass sie nur aus dem Grunde in jeder Suppe ein Haar finden, weil, wenn sie davorsitzen, sie so lange mit dem Kopf schütteln, bis eines hineinfällt. Auch der Tadel muss motiviert sein, ebenso wie das Lob. Nur dann kann mit dem Künstler zugleich auch das Publikum im Genießen eines Films, der mehr sein will (und sein kann) als lediglich Schaubild, gefördert werden.
Die so geübte Kritik ist das Ergebnis des künstlerischen Eindrucks und der Reaktion des Kritikers, ist formuliertes Urteil aus Gefühl und Intellekt.
Der gewissenhafte Kritiker wird sich der wirtschaftlichen Tragweite seines Amtes stets bewusst sein. Aber weder Hass noch Liebe dürfen das Urteil trüben, das er fällt. Ganz gewiss nicht geschäftliche Neben- oder gar Hauptabsichten. Reinliches Empfinden, Sauberkeit ist nicht Ziel, sondern notwendige Voraussetzung kritischer Tätigkeit,
Der Gedanke, dass der Filmkritiker sein Richteramt nicht mit privaten geschäftlichen Rücksichten verquicken darf, dass er unbedingte Unabhängigkeit nach jeder Richtung hin, gegenüber der Filmindustrie und dem Anzeigenteil, wahren muss, hat zur Gründung des „Verbandes Berliner Filmkritiker“ geführt. Der Verband will kein Reinigungsinstitut sein in dem Sinne einer moralischen Waschanstalt, aber er will eine Scheidung herbeiführen zwischen Filmkritik und Geschäftsjournalismus. Er will klärend wirken und aufklärend, indem er die Geschäftemacher an den Pranger stellt. Er wird mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, den Kampf führen gegen die Korruption, für die freie, unabhängige Filmkritik.

In: Der Film, Nr. 2, 14. Januar 1923