Karl Grune: Ohne Akte (1923)

Vorbemerkung:
In der Stummfilmzeit wurde zumindest in Deutschland nach jeder Rolle – auch Akt genannt – eine Pause eingelegt, weil viele Kinos nur einen Projektor hatten. Das Licht ging an, die Musiker konnten sich etwas Ruhe gönnen, die Zuschauer blieben sitzen, der Projektionist wechselte die Rolle. Lupu Picks Scherben war möglichweise der erste Film, der ohne Pausen gezeigt wurde, hatte aber noch eine Akteinteilung. Karl Grune hatte Die Strasse von vornherein ohne Akteinteilung zur Vorführung ohne eine Pause konzipiert. Auch andere Filme wurden vereinzelt schon 1923 ohne Pause gezeigt. Ich vermute aber, dass sich die uns vertraute pausenlose Vorführung eines Films erst mit dem Tonfilm durchgesetzt hat.
Ein einziges Mal habe ich im Kino eine Vorführung eines Spielfilms mit Pausen erlebt; das war die deutsche Premiere von Steven Spielbergs Close Encounters of the Third Kind bei der Berlinale 1978. Die Pausen waren einem Missgeschick geschuldet, der zweite Projektor war ausgefallen. Und so richtig gefallen hat es niemand.

Karl Grune hat mir den Aufnahmen zu seinem Film Die Strasse begonnen, der im dekorativen Stil und im Aufbau einen neuen Weg geht und in der Zusammendrängung aller Geschehnisse sowie in der Einheit von Zeit und Raum den Versuch darstellt, das Filmdrama von erstarrten Formen zu lösen.

Der Aktschluss im Drama ist ein Kunstmittel, das sich jeweils mit der Technik des Theaters verändert. Das antike Drama kannte keine Aktschlüsse, weil die Form der Arena sie illusorisch machte. Auch die Bühne Molières und Shakespeares musste und konnte aus ihrer szenisch-technischen Gegebenheit auf den Aktschluss verzichten. Erst die Einführung des Vorhangs, der die Ökonomie des Dramas veränderte, machte eine deutliche Kennzeichnung dramatischer Zäsuren notwendig.

Man hat den Aktschluss mit einer Interpunktion verglichen. Der Dramatiker kann Ausrufungszeichen machen, indem er die Situation noch einmal in einem Brennpunkt zusammenfasst. Er kann an den Schluss ein Fragezeichen setzen, indem er einen neuen Konflikt anspinnt. Oder aber er bricht ein ungelöstes Problem plötzlich ab. Ein solcher Aktschluss würde etwa einem Gedankenstrich gleichkommen.
Anders verhält es sich beim Film, der seine eigenen Gesetze noch nicht gefunden hat. Hier ist die Akteinteilung im allgemeinen kein organisch notwendiges Kunstmittel, kein künstlerischer Wendepunkt, sondern vorläufig noch eine technische Notwendigkeit. Wenn die 350 bis 450 Meter der Filmrolle abgelaufen sind, ist der Akt zu Ende. Natürlich ist es erforderlich, sich diesen Bedingungen durch eine möglichst geschickte Gliederung der Geschehnisse anzupassen, also aus der Not eine Tugend zu machen. Aber man muss sich darüber klar sein, dass, solange es nicht überall möglich ist, einen Film pausenlos durchzuspielen, er sich nicht vollkommen von dem Vorbild des Bühnenstücks oder des Fortsetzungsromans freimachen kann.
Die Einteilung in Akte hat aber noch andere Nachteile. Einmal verlangt eine solche Gliederung in jedem Akt eine wenn auch noch so kurze Exposition. Dann aber werden im Ganzen etwa vier, fünf, sechs Höhepunkte nötig, die nicht immer innerlich durch die Handlung bedingt sind. Außerdem liegt die Gefahr nahe, dass der Zuschauer in dem verdunkelten Raum durch das Aufleuchten des Lichts und das plötzliche Abbrechen der Musik aus der Stimmung gerissen wird.
Ich habe nun in meinem neuen Film Die Strasse versucht, ohne Akteinteilung auszukommen. Der Film ist in seiner gedanklichen Anlage und dem Aufbau der Handlung von vornherein so konzipiert, dass er den Eindruck völliger zeitlicher und räumlicher Geschlossenheit erweckt, die nicht gewaltsam zerstört wird. Dies schließt natürlich keineswegs aus, dass der Film im Kino mit den durch das Auswechseln des Filmbandes hervorgerufenen Pausen abgerollt werden kann. Die Berliner Premiere wird zeigen, ob der Versuch, einen Film ohne Akte zu machen, seine Existenzberechtigung hat. Ich für meine Person bin fest davon überzeugt.
Damit wird selbstverständlich nichts gegen die Richtigkeit von guten Aktschlüssen gesagt. Nicht nur, dass die technische Beschaffenheit vieler Lichtspielhäuser in Europa die Notwendigkeit der Unterbrechung in der Vorführung bedingt – auch die Handlung selbst erfordert vielfach ein Aufblenden, im übertragenen Sinne also ein Ausruhen, die Kennzeichnung von zeitlichen Zwischenräumen und die durch den Aktschluss zweifellos gesteigerte Illusion eines Zeitübergangs.
Ich möchte wohlgemerkt den aktlosen Film nicht zum Kunstprinzip erheben. Nur scheint mir unter den Vorrausetzungen des Manuskriptes entscheidend, dass der Fortschritt, den wir aus der Gefahr eines Erstarrens der Form erstreben müssen, darin liegt, dass der Handlungsfortgang nicht unterbrochen werden darf, wenn er die Einheitlichkeit des Geschehens zu verstärken imstande ist. Das Manuskript der Strasse war in seiner zeitlichen Gradlinigkeit ohne Aktschluss gedacht und geschrieben, und ein Einschalten von Pausen um jeden Preis hätte zumindest in den großen Lichtspielhäusern diesen Eindruck eher vermindern können. Zugleich aber mussten die „gottgewollten Abhängigkeiten“ berücksichtigt werden, indem dem Theaterbesitzer die Möglichkeit geboten wurde, sich den Film in fünf Akte zu zerlegen.

BZ am Mittag, 30. März 1923, Nr. 148 (Beilage Film-BZ)