Lupu Pick: Dichter und Regisseur (1923)

Editorische Vorbemerkung:
Sperrungen im Original sind kursiv gesetzt. Auch die Filmtitel sind kursiv, im Original aber nicht gesperrt.

Der Dichter Norbert Jacques erhob hier einen Ruf nach der gemeinsamen Arbeit mit dem Fimregisseur. Spielleiter Lupu Pick antwortet ihm:

Lupu Pick

Nicht auf technische „Vervollkommnung“ kommt es an. Es ist – in diesem Zusammenhang – völlig unwichtig, ob noch die Farbenkinematographie – der stereoskopische Film – das perfekte Tonbild ohne Nebengeräusch – oder der Film ohne Perforationslöcher erfunden werden oder nicht. (Ich persönlich möchte beinahe wünschen, dass alles dieses vorläufig überhaupt nicht erfunden werde.)
Erfunden sollte werden, dass der Dichter jetzt endlich beginnen müsse, sich des Films zu bedienen; wie der Maler schließlich einmal begonnen hat, sich der doch auch erfundenen Farbmittel zu bedienen; wie der Musiker, der in der Welt vorhanden gewesenen Möglichkeit, auf das Ohr verschieden wirkende Geräusche zu erzeugen, sich einmal zu bedienen begann, und wie schließlich Moses seine Gesetzestafeln nicht hätte dichten können, wenn er sich nicht der damals offenbar vorhandenen Möglichkeit bedient hätte, durch An- oder vielmehr Untereinanderreihung von Schriftzeichen Gedanken und Sehnsüchte kundzutun.
Es ist doch damit nicht geholfen, zu klagen: Es gibt keine Filmdichter.
Erstens trifft das nicht zu.
Und dann müssen wir – bald – dahin kommen, den Dichtern den Schrecken auszujagen, den sie berechtigterweise empfinden müssen, wenn sie zu hören und zu sehen bekommen, ihr Erzeugnis sei die „notwendige Unterlage“ für den einzig wirklich schaffenden Faktor beim Film – den Filmregisseur.
Sind wir doch so weit gekommen, dass man zaghaft beginnt, das Bedürfnis nach dem Filmdichter zuzugestehen.
Wer ist denn mehr dazu berufen, zu erkennen und zu verkünden, dass man auch auf Zelluloid dichten könne als gerade der Filmregisseur?
Ich gebe Norbert Jacques ganz recht, wenn er sagt, dass nicht der Regisseur oder der Dichter der „Stärkere“ ist.
Ich möchte – beinahe warnend – hinzufügen, dass ich davon überzeugt bin: Der Filmdichter lernt eher „regissieren“ als der Regisseur „filmdichten“.
Shakespeare und Molière, Goethe und Sophokles waren auch Theaterdirektoren und nicht schlechtere als ihre zeitgenössischen „direktionsführenden Kollegen“. Und von den lebenden Dichtern hat einer einmal den lebenden Theaterregisseuren ein Stück richtiggehend „vorregissiert“ (Gerhard Hauptmanns Tell-Inszenierung).
Es bleiben – immer wieder – eigentlich nur die beiden Fragen: Kann man überhaupt filmdichten?
Und? Wie weit kann die Beziehung des Dichters zum Regisseur, die Zusammenarbeit zwischen demjenigen, der Empfindungen und Gedanken (jawohl, Gedanken, ich komme noch auf diesen Streitpunkt) durch den Film vermitteln will, und demjenigen, der ihm dazu verhelfen soll, sein, dass Empfindungen und Gedanken so, möglichst so, wie jener sie fühlt, und wie er sie denkt, vermittelt würden.
Wie weit oder vielmehr wie eng kann diese Beziehung sein?
Ich möchte nicht scherzen, aber ich kann diese Frage nicht treffender beantworten: Noch enger – kann sie sein.
Ich will, um aus dem Theoretisieren herauszukommen und unter Unterdrückung sich mir aufdrängender Hemmungen aus der Schule plaudern.
Ich kenne einen Filmdichter. Er heißt Carl Mayer. Ich inszeniere jetzt einen Film von ihm. „Sylvester“. Und ich habe dieses Mal das praktisch verwirklicht, was Norbert Jacques so warm und klug der Zukunft für die Filmkunst wünscht. Wir arbeiten zusammen. Seit der Stoff zu dem Manuskript in ihm entstand und er mir davon sprach, sprachen wir viele Monate immer wieder davon. Und er bekam wohl so das Gefühl, dass ich seine „Ideen“ verstanden hatte. Und dann schrieb er das Manuskript nieder. Und dann haben wir immer und immer wieder davon und darüber gesprochen. Und er lernte – oft klagend – technische Notwendigkeiten werten, und ich lernte immer mehr seine Absichten erkennen. Und – obwohl das Manuskript in jeder Hinsicht „kurbelreif“ schon Monate vor Beginn war und sich von der ersten Niederschrift an nichts daran geändert hat, lernten wir beide, nun ich seit Monaten an der Herstellung (dies ist ein übles, übles Wort) arbeite, lernten wir beide, sage ich, tausend neue Möglichkeiten und tausend neue Lichter finden, um jene seine Absichten möglichst getreu zu verwirklichen.
Ich empfinde allerdings keine „prinzipielle Gegnerschaft“, ihn bei den Aufnahmen dabei zu haben. Ich frage ihn gern, ob auch er der Ansicht sei, dass der Stimmungsgehalt dieser oder jener Szene so oder so beginne, so sich steigern, so enden müsse.
Was ich bei Scherben und auch beim Dummkopf schon in geringerem Umfange tat, habe ich bei diesem neuen Film gewissermaßen zum Prinzip zu erheben versucht. Die dauernde Fühlung mit dem Autor.
Auch beim Zusammensetzen eines Films ergeben sich meiner Ansicht nach dadurch nur Vorteile für das Ganze.
Vorrausetzung ist freilich, das der „Dichter“ das Gefühl hat, vom Regisseur nicht als nur die „Unterlage“ liefernder, sonst aber überflüssiger Faktor gewertet zu werden, und der „Regisseur“ mit der inneren Überzeugtheit an seine Arbeit geht, dass seine Aufgabe primär darin besteht, die „seelische Vision“, die Gedanken des Dichters zu verwirklichen – bzw. in Bildern lebendig zu machen.
Ich muss immer erstaunen, wenn ich, wie so oft, die unsinnige Behauptung lese, der Film
„könne Gedankliches nicht geben“. Als ob nicht jedem Achtjährigen durch bestimmte Aneinanderreihung von Bildern bestimmte Gedanken zu suggerieren sind. Schon unsere Schulfibeln machen von dieser Begabung des Menschen, durch das Auge auf das Gehirn zu wirken, Gebrauch.
Und der Film solle das nicht können? Dass der Film aber Empfindungen auslösen kann, wird wohl ernsthaft nicht mehr bestritten.
Der Weg vom Auge zum Empfindungszentrum ist nicht weiter als wie der vom Ohr.
Und wenn durch eine schluchzende Zigeunergeige ein weiches, sehnsüchtiges, schmerzlich-schönes Gefühl in uns ausgelöst wird, so empfinden wir ebenso „prompt“ Melancholie, wenn wir einen herbstlichen Wald betreten. Auch wenn wir meinetwegen beide Ohren dabei lautdicht mit Watte verstopft trügen. Ja, wäre es mit einem modernen Siebenmeilenstiefel möglich, in einer halben Minute aus dem herbstlichen Wald mit einem Schritt in eine lachende, sonnige, blühende Landschaft zu treten, so würde sicherlich ebenso „prompt“ unser melancholisches Gefühl einem irgendwie freudigen, lebensbejahenden Empfinden Platz machen.
Wertvolle Empfindungen, erhebende Gedanken der Menschheit zu geben, sind die Dichter berufen und, was den Film anlangt, die Regisseure auserwählt, sie der Menschheit zu vermitteln.
Haben sie also ein gemeinsames Ziel, so wird auch ihr Weg ein gemeinsamer sein müssen.

BZ am Mittag, 8. Juli 1923, Nr. 183 (Beilage Film-BZ)