Der künstlerische und der szenische Leiter. Eine Unterhaltung mit Jacoby-Boy (1920)

Der Graphiker Martin Jacoby-Boy (1883 – 1971) ) war von 1919 bis 1921 Chefarchitekt der May-Filmgesellschaft. Neben den Bauten von Die Herrin der Welt (1919) bis zum Indischen Grabmal (1921) entwarf und baute er auch das Freigelände „Filmstadt Woltersdorf“. Nach dem Ausscheiden aus der Firma von Joe May war er Architekt bei der Europäischen Film-Allianz (E.F.A.), ging danach als technischer Leiter der Atelierbetriebe Weissensee wieder zu Joe May. Ende 1923 verabschiedete er sich von der Filmarbeit.

Martin Jacoby-Boy

Der italienischen Film-Zeitschrift „Cines“ entnehmen wir folgenden Artikel:
Jacoby-Boy ist, was wir auf Italienisch den szenischen Leiter nennen. Er ist beim May-Film, und zwar mit einer Befugnis ausgestattet, die bei uns einem künstlerischen Direktor zukäme. Er ist kurz gesagt der wahre „metteur en scène“. Ihm sind alle Innen-und Außenaufbauten anvertraut. Seine Schöpfung ist das jeweilige Milieu, das nach seinen Zeichnungen erbaut wird, die Dispositionen für die Beleuchtung, für alles, was den Ort der Handlung betrifft, – für die Kostüme und für die Bilder. Seine Aufgabe endigt mit dem Augenblicke, in denen der Operateur zu kurbeln beginnt und die Darsteller anfangen, sich zu bewegen.
Es war uns möglich, im Hotel Regina eine Unterhaltung mit Jacobi-Boy zu haben. Er erzählte uns, dass er nach Italien gekommen sei – in Begleitung seiner schönen und liebenswürdigen Gattin -, um nach den ungeheuren Anstrengungen für die Ausrüstung der Herrin der Welt Erholung und Kräftigung zu suchen. Seine Erholung besteht aber im Studium unserer Baudenkmäler und im Besuchen unsere Kulturzentren.
Jacoby-Boy hat einen vorzüglichen Eindruck von unserem Publikum gewonnen, an dem er den kritischen Sinn stark entwickelt findet. Und dieser kritische Sinn, der nicht nur an der Oberfläche haften bleibt, müsste der Industrie die größten Dienste leisten: denn das Publikum könne mehr und besser als sonst jemand das wahre Urteil über Notwendigkeit und Richtung der Filmindustrie fällen. Über die Technik besonders müsse die Öffentlichkeit unterrichtet werden. Bei dieser Gelegenheit fragte uns Jacoby-Boy, ob die Tageszeitungen die großen Filmschöpfungen verfolgen und ob sie technisch gebildete Kritiker zu ihrer Besprechung verpflichtet hätten. Er war höchst erstaunt, als wir dies verneinten.
Beim Gespräch über Die Herrin der Welt erzählte er uns, dass bei diesem Kolossalfilm jeder Ort, jeder äußere Charakterzug aufs genaueste nachgebildet worden wäre. Er selbst hat alle Bauten geleitet. Im ersten Akt hat er ein Stadtviertel von Canton aufgebaut. Straßen, Plätze, Paläste, Barken, die chinesischen Dschunken des Pe-i-ho, des Perlenflusses, sind nach den Orginalmodellen rekonstruiert worden. Auch der 22 Meter hohe Tempel und die Pagode sind solche Rekonstruktionen. Die letztere ist die genaue Wiedergabe der Pagode von Oerl-Lang–Miao. Alle die kleinen Nebenbauten, die Zäune, die Inschriften entsprechen genau denjenigen in Canton. Der große Altar ist ein von ein einem Berliner Museum überlassenes Original, dass denselben aus Canton erhielt. Man ersieht daraus, welche Unterstützung die Filmindustrie in Deutschland von der Regierung und ihren Organen erfährt. Dagegen bei uns, falls es uns einfiele, das Kolosseum zu filmen –!! Aber weiter im Text! – Die Herrin der Welt wurde binnen fünf Monaten begonnen und vollendet: vom 5. Juli bis 5. Dezember in der durch Joe May geschaffenen berühmten Filmstadt Woltersdorf bei Berlin. Jacoby-Boy betonte, wie wertvoll es für ihn sei und wie außerordentlich günstig es seine Schaffenskraft beeinflusse, mit einem so verständnisvollen Direktor wie Joe May zusammen zu arbeiten. Wenn er von Joe May und dessen Schaffen spricht, ist er begeistert!
„Ich muss Ihnen etwas sagen“ – Jacoby-Boy zündete sich dabei eine Zigarette an-, „was mich als Fanatiker meiner eigenen Kategorie erscheinen lässt. Nur der ‚Cines’ möchte ich es sagen, dass – wenn auch alle künstlerischen Kräfte für den Aufbau eines guten Films nötig sind – einzig unentbehrlich nur der künstlerische Leiter ist.“
„Der künstlerische Leiter muss alles wissen und können, eine gründliche Kenntnis aller Gebiete haben und sich der Sachverständigen und Spezialisten zu bedienen verstehen. Nehmen Sie an“, sagte er lebhaft in fließendem Englisch, dass er glänzend beherrscht, „nehmen Sie an, es handele sich um eine Szene mit einem Kranken. Der Direktor muss sich mit einem Arzt in Verbindung setzen, um zu erfahren, welche Bewegungen der Kranke machen darf und welche nicht, in welchem Maße jene Krankheit auf den Geist wirkt und so weiter… Und so in allem: denn die Beobachtung aller Einzelheiten ist heute kein Luxus mehr, sondern einfach eine Notwendigkeit. Die darstellende Kunst muss sich auswirken!“ fuhr Jacoby-Boy fort. „We must do theatre, und zwar Theater, dass immer neu ist, dass sich mit der Menschheit verjüngt.“

Von Martin Jacoby-Boy gestaltetes Insert aus Die Herrin der Welt

Jacoby-Boy meint, das es für den Film das Ideal bedeutet, keine oder nur wenige Titel zu enthalten. Und diese wenigen Titel müssten mit derselben Sorgfalt wie die Ausstattung behandelt sein. Man sollte sie nicht im Feuilletonstil bringen und bei den Schriftzeichen und Bildern, die sich daraus ergeben, dafür sorgen, dass sie sich harmonisch in die Stimmung des Films einfügen. Der Stil des Titels müsse dem des Films entsprechen: „Denken Sie sich einen Film aus dem Mittelalter mit Titeln, die auf der Remington geschrieben sind! Und doch sieht man oft genug Stilwidrigkeiten!“
Der Sinn des Publikums – auch des in kultureller Beziehung tiefer stehenden, dass aber meistens dafür noch mehr Gefühl hat – wird peinlich verwundet durch Missgriffe in der Stilreinheit. Die Harmonie existiert nicht nur in der Musik, sondern in jedem Kunstempfinden, und mitzuhelfen zur Ehrung und Erziehung des Publikums, bedeutet Erhöhung der Kultur eines ganzen Volkes!“
Durch das liebenswürdige Entgegenkommen des Cavaliere Lorenzi war es uns möglich, Jacoby-Boy und seiner Gattin beim Tespi-Film die Bauten der Mirabile Visione (1921; Regie: Luigi Sapelli) von Fausto Salvatori, Kuraten von Caramba, zu zeigen.
Jacoby-Boy war der größten Bewunderung voll und beglückwünschte Cavaliere Lorenzi in den schmeichelhaftesten Ausdrücken. Der Tespi-Film kann wohl zufrieden sein mit dem Lobe eines solchen Kenners, wie es der Erbauer der Herrin der Welt ist. Unsere französisch-englisch-lateinische Unterhaltung (zur Verständigung aller miteinander brauchten wir drei Sprachen) – fand ihr Ende im Automobil auf der Heimkehr, begleitet von herzlichen Worten Jacoby-Boys und dem Lächeln seiner Gattin, die glücklich war, dass sie beim Tespi-Film außer den Bauten noch zwei andere Dinge gefunden hatte: eine kleine Katze und einem Blumenstrauß.
Jacoby-Boy ist der festen Meinung, dass die Filmarbeit nicht durch einen Menschen allein geleistet werden können. Zum Beispiel versteht er es nicht, wie jemand Autor, szenischer Leiter, Direktor und Schauspieler gleichzeitig sein könne. Jede Energie und jede Kultur müsse in ihrem eigenen Fache tätig sein und die Genialität des Einzelnen durch Führung einer überlegenen Leitung zum Ganzen zu fügen, das sei die grösste Leistung.

In: Film-Kurier, 6. Dezember 1920, Nr. 275

 

Wir erhalten folgende Zuschrift:
Das in ihrem geschätzten Blatte vom sechsten des Monats unter dem Titel: „Der szenische und der künstlerische Leiter“ abgedruckte Interview, welches der Schriftleiter des italienischen Fachblattes „Cines“ mit mir in Rom hatte, weist leider Verstümmelungen auf, welche mich zu der folgenden Richtigstellung zwingen. Diese Verstümmelungen resultieren teils aus der etwas komplizierten Verständigung mit dem italienischen Herrn, dessen Sprache ich leider nicht ganz beherrsche, teils aus der doppelt missverstandenen Übersetzung (die uns zukam. Anm. d. Red.). Besonders der Passus: „Der einzig unentbehrliche Faktor ist der künstlerische Leiter“ erfordert eine Korrektur, denn ich fürchte, man könnte daraus irrtümlich entnehmen, dass ich „meine Wenigkeit“ damit meine. Ich glaube, man wird mir, als dem intensiv in der Praxis Stehenden, zumindest nicht zutrauen, dass ich dies große Wort gelassen ausspreche, welches in diesem Sinne wohl dazu angetan sein könnte, berechtigten Widerspruch herauszufordern. Jeder Kundige weiß, dass nur das Zusammenwirken erfahrener Fachleute Wertvolles schaffen lässt, dass weder der Regisseur noch der künstlerische Beirat noch der Operateur, geschweige denn der Schauspieler unentbehrlich zur Herstellung eines guten Films [sind]. Meine Äußerungen über die Art der Zusammenarbeit des szenischen, also dekorativen Leiters mit dem künstlerischen Leiter, also dem Regisseur, ebenso über die Wertungen der Mitarbeit der anderen künstlerischen Persönlichkeiten sind durch die oben geäußerten Entstellungen so falsch wiedergegeben, dass ich mich zu dieser Berichtigung verpflichtet fühle. Hochachtungsvoll Martin Jacoby, Berlin.

Der Vertrag des Herrn Martin Jacoby-Boy mit der May-Film Gesellschaft wurde, wie uns von der May-Film-Gesellschaft mitgeteilt wird, im gegenseitigen Einvernehmen zum 31. März 1921 gelöst. Herr Jacobi-Boy scheidet daher am genannten Tage aus dem Unternehmen aus.

In: Film-Kurier, 11. Dezember 1920, Nr. 275

Mit freundlicher Genehmigung von Roberto Lindemann