Colin Roß: Unter Hunnen (1923)

Colin Roß an der Kamera

Es ging durch Kiefernwald, durch ein Pförtnerhaus, an Verwaltungsgebäuden vorbei und einer Restauration, in der halbnackte, gelb angestrichene Männer und Frauen vor Kaffee und Flaschenbier saßen. Ateliers, Werkstätten, dann ein entzückendes Gehöft mit zahmen Tauben. „Für den Aschenbrödelfilm“, erzählte mein Begleiter. Schließlich durch eine Barackenstraße, über eine Zugbrücke. Rechts lag eine Felsschlucht, links ein im Bau befindliches Schloß. Und dann standen wir plötzlich mitten in einem Dorf aus Lehmhütten und Erdlöchern, so echt, dass ich mich unwillkürlich nach Zentralasien zurückversetzt wähnte. Lauter Hütten aus „Dreck und Spucke“, Schilfdächer, Unrathaufen, Schmutzpfützen, verwesende Kadaver.
„Donnerwetter, das haben Sie gut gemacht, Herr Hunte“, sagte ich zu dem Architekten der „Decla“, der neben mir stand, „das riecht direkt nach Hunnen.“ In einem Hunnendorf war ich ja nun allerdings auch noch nicht, aber wenigstens in ihrem Ursprungsland und bei ihren Nachfahren, und da sieht es genau so aus.
Gegenüber dem Dorf lag der Palast König Etzels. Ein hoher Lehmbau, geschnitzte, bunt bemalte Säulen; innen Felle, Waffen und Schilde. In der großen Halle dreht Fritz Lang, der Regisseur der Nibelungen, gerade eine Detailszene. Als er fertig [ist], begrüßt er mich. „Sie kommen gerade recht, nachher drehen wir eine Massenszene im Hunnendorf. Die Wachtposten König Etzels kommen angesprengt, durch das Dorf in die Halle hinein, und bringen die Nachricht von der Ankunft Krimhildes.“
Am Zaun stehen die Pferde. Halfter, ohne Sattel, wie es sich für richtige Hunnenpferde gehört. Es sind recht gute Gäule. Mir kommt eine Idee — „Da spiele ich mit.“ —
„Aber gern.“
Ich lasse mir Kostüm und Waffen geben. In dem Garderobenhaus ist es wie in einem Bienenschwarm. Da wird geschminkt, Perücken aufgesetzt, Felle probiert und gestrichen, vor allem gestrichen — mit breiten Pinseln aus großen Töpfen voll Ocker. Arme, Brust und Beine müssen doch schön gelb sein. Gegenüber der Garderobe von Klein-Rogge, der den Etzel spielt, ist noch Platz. Ich lasse mir eine feine Maske schminken mit einer breiten Narbe quer über die Stirn. Dann mische ich mich unter das Statistenvolk. Es sind viele Schauspieler darunter. Deutsches Theater, Lessingtheater usw., aber die Mehrzahl sind Artisten. Es kommt für einen Hunnen ja weniger aufs Spiel als auf Reiten, Messerwerfen und sonstige Akrobatenstücke an. Die Artisten kennen und duzen sich alle. Sie sind sehr stolz. Wenn sie einen treffen, den sie nicht kennen, stoßen sie sich an und sagen: „Wer ist den das?“ Den kennt man ja gar nicht. Und der Kerl schimpft sich wohl auch Artist!
Es ist grelle Sonne. Die Hunnen legen sich in den Sand und lassen sich braten. Aber es ist noch nicht so weit. Die Detailaufnahmen sind noch nicht zu Ende. Endlich sind sie fertig. Die Aufnahmeapparate werden draußen aufgebaut. Das Hunnenvolk verteilt sich im Dorf. Da ziehen Wolken vor die Sonne. Der Operateur winkt ab. Er muss gleichmäßiges Licht haben. Aber immer mehr Wolken. Und plötzlich schüttet es los, gleichwie mit Kübeln. Alles rennt auseinander.
Warten. —
Es ist nichts zu machen. In der Halle werden neue Etzelszenen gedreht, aber die Komparserie sitzt herum, langweilt sich und friert. Endlich hellt sich der Himmel auf. Es regnet zwar noch, aber man kann trotzdem drehen. Es soll wenigstens versucht werden.
Aus den weit offenen Toren der Königshalle strahlt das violette Licht der Scheinwerfer. Im Dorf wimmelt das Hunnenvolk. Ein Pfiff. Jetzt jagen wir los. Den Sandhügel hinauf. Aber das Pferd des ersten Reiters scheut vor dem grellen Licht. Ein Knäuel. Revolver knallen. Die Pferde werden noch wilder. Ich dränge mein Pferd an den übrigen vorbei, galoppiere ins Dorf hinunter. Fritz Lang pfeift ab. Die Aufnahme muss wiederholt werden.
Zurück.
Neuer Pfiff und neues Geknalle. Wir rasen los. Diesmal klappts. Wirbel setzt über den Zaun und sprengt die Treppe hinauf in die Königshalle. Aber es ist noch nicht gut. Noch etwa ein dutzendmal wiederholen wir. Die Gäule dampfen, und manch ein Hunnenreiter, der sich auf dem nassen Pferderücken durchgeritten hat, zieht ein klägliches Gesicht.
Endlich ist der Regisseur zufrieden. Ich gebe mein Pferd ab und ziehe mich wieder um. Aber der Arbeitstag bei der Decla ist noch nicht zu Ende. Sobald die Sonne tief genug, wird noch eine „Nachtaufnahme“ gedreht — das Anschleichen der Hunnen, um die Burgunderkönige zu überfallen.
Auf einer hohen Plattform werden die Apparate aufgebaut. An der gegenüberliegenden Wand sollen die Hunnen anschleichen. Die Hilfsregisseure teilen die Gruppen ein. Fritz Lang springt ein dutzendmal von der Plattform zur Komparserie und zurück. Endlich glaubt er sich verstanden. „Achtung, drehen!“ Die Kurbeln knarren.
Ein Pfiff. — „Gruppe I“. Ein Dutzend Hunnen bricht auf und schleicht geduckt näher.
„Gruppe II — Gruppe I langsamer! Gruppe II nachdrängen! Gruppe III !“
Ein Gewimmel halbnackter Männer in Fellen drängt ins Bild.
„Mehr an die Mauer! Nicht alle gleichzeitig kriechen! Einzelne aufrecht!“ — Ein Ausruf der Ärgers. „Halt, zurück. Nochmal!!“ Der Regisseur springt wieder hinunter, erklärt nochmal, kommt atemlos zurück.
Ein Blick auf die Uhr. Die Sonne steht schon tief. Die Zeit ist knapp. „Achtung! Drehen! — Gruppe I !“ Wieder schleichen die Hunnen an. „Gruppe II !“ Diesmal geht’s großartig. Wie die gelernten Indianer schleichen die Hunnen an. Aus dem Hintergrund hört man die anfeuernden Rufe der Hilfsregisseure.
Da, beinahe ist schon alles vorüber, da taucht an der Ecke des Königspalastes mit schlenkernden Armen ein allzu eifriger Hilfsregisseur auf. „Herrgott, Rindvieh, zurück!“  Aber es ist schon zu spät. Die Aufnahme ist verdorben. Jetzt kann man wirklich nervös werden. Gleich ist das Licht fort. Aber kurz vor Toresschluß wird die Aufnahme noch hereingebracht.
„Schluß für heute! Also morgen früh acht Uhr in altgewohnter Frische.“ Die Komparserie ist entlassen. —
Lang setzt sich müde auf eine Lehmbank. Thea von Harbou, die von früh bis spät die Aufnahmen mitmacht, legt das Manuskript beiseite und schenkt aus einer Thermosflasche Kaffee ein. Beider Arbeit ist noch nicht zu Ende. Es muß noch eine Nachtaufnahme gemacht werden, diesmal eine richtige. Wir warten bis halb neun. Inzwischen werden Kabel verlegt und die Scheinwerfer draußen aufgestellt.
Ein klarer, wolkenloser Nachthimmel — Schlettow-Hagen und Goetzke-Volker treten aus dem Haus. Die Jupiterlampen hüllen sie in ein gespenstisches grünes Licht. „Achtung, Aufnahme!“ Es ist nur eine kurze Szene, aber es wird doch halb zehn, bis alles vorüber. Morgen um acht beginnt ein neuer Arbeitstag.

BZ am Mittag, 26. August 1923, Nr. 230 – Beilage Film-BZ