E.A. Dupont: Filmkritik und Filmreklame I (1919)

Ich bin mir vollkommen bewusst, dass diese Zeilen die beträchtliche Reihe meiner Feinde um eine erhebliche Anzahl vermehren werden. Dennoch: die Zustände, mit denen ich mich beschäftigen will, sind derart ungeheuerliche, dass eine öffentliche Erörterung unbedingt geboten erscheint. Es handelt sich um Form und Art der heutigen Filmkritik, um das unendlich schädliche Wirken der Filmfachpresse, um die geistige Demoralisierung überhaupt, die heutzutage in den Reklamen, Druckschriften, Artikeln, Broschüren und Büchern zu Tage tritt, die sich in übergroßer Anzahl mit dem Wirken und den Lebensäußerungen der deutschen Filmindustrie beschäftigen. Die Augiasställe literarischer und journalistischer Korruption müssen endlich einmal von einigen beherzten Leuten gereinigt werden. Die Filmbranche, die nach außen hin eine Stellung im Weltmarkt erstrebt, vergisst, dass sie im eigenen Lande durch das Gebaren jener Filmschmoks, die ohne Gewissen und ohne Skrupel mit nie erlahmendem Eifer Tag für Tag aufs neue die Feder in die Tinte tauchen, dem Fluch der Lächerlichkeit anheimfällt. Das Beifallsgemurmel überspannter Backfische, unreifer Jünglinge darf nicht über die wahre Situation hinwegtäuschen. Allerdings: das Kopfschütteln Intellektueller, das Hohngelächter anderer Geistesberufe, die der Zufall einen Blick in die Literatur der „Branche“ tun lässt, sieht und hört man nicht, will man nicht, ja kann man nicht sehen und hören. Denn in unseren eigenen Reihen sind nur wenige, die einer Kritik fähig sind. Wie soll da Kritik an der Kritik geübt werden?

1. Kapitel Filmkritik
Um irgendwelchen Enthüllungen vorzubeugen, die vielleicht nach dem Erscheinen dieser Zeilen naheliegen würden, stelle ich folgendes fest: Ich entsinne mich noch, dass ich einmal Redakteur der „B.Z. am Mittag“ gewesen bin. Ich habe auch nicht vergessen, dass ich in diesem Blatt vor etwa vier Jahren eine fast täglich erscheinende Rubrik „Varieté und Kino“ einrichtete, in der der Grundstein zu dem gelegt wurde, was einige ahnungslose Engel heute unter „Filmkritik“ verstehen. Ebenso wenig habe ich vergessen, dass ich während meiner redaktionellen Tätigkeit bei Ullstein zahlreiche Filme verfasst habe und über noch zahlreichere Filme Besprechungen geschrieben habe. Ich weiß auch noch ganz genau, dass ich schließlich meinen Redaktionsposten niedergelegt habe, weil ich die Überzeugung erlangt hatte, dass beide Tätigkeiten auf die Dauer sich nicht miteinander vereinigen ließen. Diese Überzeugung hatten damals andere Leute auch, aber inzwischen sind Jahre vergangen und die Menschen sind nicht mehr so kleinlich wie früher. Heute? Heute wird von einem Filmjournalisten direkt verlangt, dass er Filme schreibt.
Wie sieht es nun mit der heutigen Filmkritik aus? Ganz einfach! Filmkritiken schreiben ein halbes Dutzend Herren, die sich bei dieser Tätigkeit ihre journalistischen Sporen zu verdienen pflegen. Diese Herren sind alle untereinander gut befreundet, woraus sich die natürliche Folge ergibt, dass über einen Film in Berlin eigentlich immer nur eine Kritik erscheint. Denn erstens sind alle derselben Meinung, weil sich keiner traut, anderer Meinung zu sein, und zweitens schreibt ein Filmkritiker nicht nur etwa für eine Zeitung Kritiken. Er wienert schnell ein ganzes Dutzend herunter. Ich will keinen Namen nennen (vorläufig wenigstens noch nicht) – also nehmen wir Herrn X.
Herr X schreibt für zwei bis drei in einem Verlage erscheinende Tageszeitungen. Herr X schreibt für die „Illustrierte Kinowoche“, Herr X schreibt für die „Bunten Filmblätter“, Herr X schreibt für den „Junggesellen“, Herr X schreibt für „Bühne und Film“, für „Film und Brettl“. Aber Herr X schreibt nicht nur für alle diese Blätter Kritiken. Er schreibt auch Plaudereien, Essays, Interviews. Jeden Tag eine neue Walze: „Hinter den Scheiben des Glashauses“, „Vor der Linse des Aufnahmeapparates“, „Rund um die Tauentzienstraße“, „Quer durch die Friedrichstraße“, „Schräg über die Linden“, „Wovon man spricht“, „Wovon man nicht spricht“, „Erlauschtes aus dem Kaffee Friedrichshof“, „Aufgeschnapptes aus der Filmbörse“.
Wie steht’s mit Herrn Y? Herr Y. gibt eine sogenannte Fachzeitschrift heraus „fürs Publikum“ (armes Publikum!). Herr Y. ist nebenbei auch Redakteur einer Tageszeitung. Nebenbei versieht er auch den Posten eines Inseratenaquisiteurs bei einer Wochenschrift. Nebenbei ist er journalistischer Beirat einer Filmfabrik. Nebenbei Inhaber eines Kinotheaters. Nebenbei schreibt er auch Filme. (Natürlich, er ist ja Redakteur!)
Und Herr Z? Herr Z ist Pressechef eines großen Konzerns. Er vergibt in dieser Eigenschaft die Inserate. Er erfreut sich deswegen bei seinen Kollegen von der Fachpresse großer Beliebtheit. Diese Beliebtheit kommt darin zum Ausdruck, dass die Kollegen in ihrer Fachpresse einer Herrn Z. nahestehenden Dame alltäglich in Wort und Bild zu huldigen pflegen… Das Erdenwallen dieser Künstlerin ist bereits in umfangreichen Artikeln für die Nachwelt dokumentarisch festgelegt worden. Da ich aber drei Tage kein neues Material bekommen habe, scheint es mir, als sei den zuständigen Herren etwas der Atem ausgegangen. Um keine größere Stockung eintreten zu lassen, stelle ich folgende Tips gratis zur Verfügung. „Die Künstlerin in ihrem neuen Nachthemd“, „Der Lieblingshund der Künstlerin macht einen Morgenspaziergang“ (entsprechende Apparateeinstellung am Eckstein), „Die Künstlerin kostet eine neue Schnapsmischung“, „Die Lieblingsbeschäftigung der Künstlerin: beim Murmelspiel –“.
Herr Z. ist selbstverständlich auch noch journalistisch tätig. Er leitet eine Redaktion, er schreibt Romane, die von anderen „verfasst“ sind, er veranstaltet allwöchentlich in einem Wochenblatt eine filmliterarische Kundgebung, auch schreibt er Kritiken über Filme, deren Aufnahmen noch nicht beendet sind, denn er ist ehrgeizig und sieht es ungern, wenn ihm jemand zuvorkommt.
Die deutsche Filmindustrie besitzt in Berlin zwei große Fachzeitschriften. Diese Zeitschriften sind nicht für das Publikum bestimmt, sondern für Verleiher, Fabrikanten, Theaterbesitzer. Dass die in diesen beiden Zeitschriften erscheinenden Kritiken, die immerhin von Wichtigkeit sein sollten, von ein- und demselben Herrn geschrieben werden, macht natürlich gar nichts aus, und ich erwähne es auch nur deshalb, weil ich soviel Platz habe. Auch die nebensächliche Tatsache, dass in dem einen dieser Blätter ein Filmregisseur die Filme seiner Konkurrenz einer kritischen Begutachtung unterzieht, dürfte keinem außer mir bisher aufgefallen sein. Oder findet man etwas dabei, dass ein Redakteur einer Berliner Tageszeitung gelegentlich als „stellvertretender Direktor“ einer großen Berliner Lichtbildbühne auftritt, über deren Filme er allwöchentlich begeisterte Kritiken schreibt?

2.Kapitel: Filmfachpresse
Es gibt in Deutschland keine Fachzeitschriften, in der die Schranke zwischen redaktionellem Teil und Reklame so vollends gefallen ist wie in den deutschen Filmfachzeitschriften. In diesen Blättern ist nahezu jede Zeile käuflich. Was das Publikum als kritische Äußerungen des betreffenden Blattes über Schauspieler, Schauspielerinnen, über Filmregisseure und Autoren ansieht, ist nichts anderes als eine direkt oder indirekt bezahlte Reklame der betreffenden Herstellungsfirma. Auf diese Weise ist es möglich, den krassesten Außenseitern zu einem Ruhm zu verhelfen, der so lange andauert, solange das Geld reicht. Ist es den doch sonst nicht so harmlosen Lesern des Kurfürstendamms und seiner Umgebung noch nicht aufgefallen, dass es die „beliebten Filmschauspielerinnen“, die in den illustrierten Zeitschriften neue Hermeline und neue Reiherhüte spazieren führen, noch nie auf der Leinwand gesehen hat? Weiß man denn wirklich nicht, dass es sich bestenfalls um einige Lebedamen handelt, die das Geld für einen solchen „Sport“ übrig haben? Wie ist es sonst zu erklären, dass man in diesen Zeitschriften beharrlich Wunderdinge von Meisterwerken und Meisterregisseuren liest, die noch nie das Licht der Leinwand erblickten? Wie könnte sonst, um einen konkreten Fall zu nennen, ein krasser Ignorant, der sich ein Monokel und den Namen eines berühmten französischen Edelmanns zugelegt hat, wochenlang in riesigen Spalten mit einem Film von sich reden machen, von dem kaum das Manuskript existiert?! In welchem Gewerbe, in welcher Industrie, in welcher Kunst wäre das sonst noch möglich? Die Revolution hat Dutzende von Filmblättern geboren. Eins wie das andere haut in die gleiche Kerbe. Der Mann mit der fettesten Brieftasche ist der Größte und den Großen. Kunst hin, Kunst her! Und dann: muss das geistige und literarische Niveau dieser Blätter immer auf der Linie studentischer Kneipzeitungen bleiben, gibt es hier wirklich keinen Aufstieg, keine Loslösung aus dem geistigen Sumpf? Was soll man dazu sagen, wenn eins dieser Fachblätter sich zu folgendem versteigt: „Schade, dass Strindberg tot ist – – er wäre der größte Filmautor unserer Zeit geworden!“ Nicht lachen! Es ist bitterer Ernst. So etwas wird geschrieben, gedruckt, gekauft, gelesen, bleibt unwidersprochen. Oder: dasselbe Blatt bringt einige Zeilen über einen Filmregisseur, dessen Bild gleichzeitig veröffentlicht wird. Diese Tatsache wird von der Redaktion sage und schreibe als „großes Glück“ bezeichnet. Oder: in demselben Blatt steht eine Kritik, in der es heißt: „Dieser Film ist übrigens ein Wunder, denn er riecht nicht nach Celluloid, sondern von der flimmernden Leinwand geht ein süßer, sanft berauschender Duft von Patschuli und frischem Schweiß (!) aus!!!“ Das sind die geistigen Ausläufer einer Industrie, die in dem harten Ringen um Zukunft und Existenz steht. Da regt sich keine Stimme des Protestes. Die Geistesarbeiter beim Film – sie haben keine Zeit für derartige Ungeheuerlichkeiten, die geeignet sind, eine Milliardenindustrie in den Augen der Öffentlichkeit bis auf die Knochen zu blamieren. Aber wenn es sich um neue Tarife handelt…

3. Kapitel: Filmreklame
„Zeige mir Deine Reklame und ich werde Dir sagen, wer Du bist!“ Die Reklame der deutschen Filmindustrie jedoch sollte man sich lieber nicht zeigen lassen – man müsste schaudernd das Haupt verhüllen. Gibt es einen deutschen Film, der keine „Sensation ersten Ranges“ ist, oder einen Regisseur, der kein „Meister“ oder eine Ausstattung, die nicht „fabelhaft“ oder eine Photographie, die nicht „blendend“ oder einen Star, der nicht „berühmt“ ist? Haben Sie schon einmal von einem Film gehört, der so schlecht war, dass er „nur“ gut war?! So etwas gibt es bei uns nicht. Vielleicht in Amerika … Bei uns … Bei uns denkt man einfach: wenn andere Dich nicht loben, so lobe Dich selbst. Mit der Zeit wird man es Dir schon glauben, dass Dein neuer Schundfilm „wieder“ ein „Kolossalwerk von nie erreichten Sensationen“ ist. Du hast ganz recht, wenn du die „hervorragende Photographie“ eines Films preist, der noch gar nicht gedreht ist; oder wenn du deinen neuen Star als „Liebling des Publikums“ besingst, obgleich er noch nie in seinem Leben gefilmt hat und das Publikum ihn demzufolge gar nicht kennen und lieben kann. Die anderen machen es ja auch so. Wenn du nicht ordentlich den Mund aufreißt, brüllen sie dich tot. Nicht mit der Güte ihrer Filme drücken sie dich an die Wand, denn die sind genauso schlecht wie deine und es ist ihnen auch schon wie dir mitten in den Aufnahmen zu dem „gigantischsten Prunkfilm dieses Jahrhunderts“ das Geld ausgegangen, auch haben sie wie du in ihrer Kammer den „größten Film aller Zeiten“ liegen, weil er wegen seiner Größe unverkäuflich ist. Hat allerdings deine Konkurrenz einmal eine so ausgezeichnete, geschmackvolle und prägnante Reklame erdacht wie diese – einen Film als „sensationell“, „erotisch“, „sadistisch“ zu bezeichnen, so bist du – gebe ich zu – um einige Längen zurückgeworfen, aber die wirst du – wie ich dich kenne- in den nächsten Wochen wieder einholen. Wie wäre es mit einem kleinen Gigantiefilm, der „homosexuell“, „lesbisch“, „masochistisch“ ist?!

4. Nachwort
Ernst gesprochen: so geht es nicht weiter. Wir treiben Selbstbetrug. Wir glauben, unsere Filme sind gut, weil wir einem 1000 M. gegeben haben, damit er es in die Zeitung schreibt. Weg mit der Cliquenwirtschaft jener Herren, in deren Händen wir heute sind. Wir müssen eine Filmkritik schaffen, die uns Wege weist, denn ohne Kritik gibt es keine Entwicklung, und wenn wir uns nicht entwickeln, kommen wir unter die Räder. Wo bleiben die „Vereinigten Verbände der deutschen Filmwirtschaft“ ?

 

In: Film-Kurier, 24. August 1919, Nr. 68