Lucien Mandelik: Meine Zeit beim „Film-Kurier“

Lucien Mandelik, geboren am 25.September 1907 in Paris, gestorben am 19. Mai 1998 in Palm Desert, Kalifornien. Etwa 1911 lassen sich seine Eltern scheiden; 1920 heiratet seine Mutter Alfred Weiner, sie ziehen nach Berlin. Dort beginnt Lucien Mandelik in der Firma seines Vaters, dem „Film-Kurier“.
Mir lagen drei Interviews mit Lucien Mandelik vor; zwei hat Gero Gandert geführt, eines haben Gero Gandert und ich geführt. Dieses letzte Interview bildet die Grundlage für den folgenden Text, der an einigen Stellen durch Informationen aus den anderen beiden Gesprächen ergänzt wurde.
Ich danke Uli Döge für seine Hilfe.

Mein Stiefvater musste wieder neu anfangen nach dem Krieg. Er hatte damals eine Zeitschrift, die „Der Wiederaufbau“ hieß [Die Zeitschrift erschien von 1922 bis 1923]. Alexander Helphand war ein Finanzmensch, der das Projekt förderte und schrieb dort unter dem Pseudonym Parvus. Das dauerte ein oder zwei Jahre. Ich war damals ein dreizehnjähriger Junge und kann mich an diese Sache nicht mehr ganz genau erinnern. Ich kam 1920 nach Berlin, den „Film-Kurier“ gab es seit 1919. Die Zeitschrift war eine Idee meiner Eltern. Sie meinten, der Film würde eine große Industrie werden. Es gab schon einige Filmzeitschriften wie „Der Film“, „Kinematograph“ oder „Lichbild-Bühne“. Mein Stiefvater hatte die Idee, eine Film-Tageszeitung zu machen. Diese Idee stieß auf Skepsis. Die Leute sagten, der [Alfred] Weiner ist verrückt geworden. Was kann man jeden Tag über den Film schreiben? Das war ja damals eine ganz kleine Industrie, die gerade eben angefangen hatte. Aber die Industrie ist dann sehr groß und sehr gut geworden. Das Motto der Fachzeitschriftleute war: Was für die Industrie gut ist, ist gut für uns. Das war auch unser Motto. Wir haben uns sehr bemüht, alles zu unternehmen, um den deutschen Film qualitativ besser zu machen. Unsere Kritiker haben manchmal einen Film verrissen, ganz gleich, ob dieser Film von einem großen Inseratenkunden produziert worden war. Darum haben sich unsere Kritiker nicht gekümmert. Wir haben überhaupt keine Rücksicht in unseren Kritiken darauf genommen, ob es sich um einen Inserenten handelte oder nicht. Ich würde fast sagen, dass unsere Kritiker an sich gegen die geschäftlichen Interessen des Verlags geschrieben haben. Sie wussten beispielsweise, dass die Ufa unser größter Inserent war. Aber wenn ein schlechter Film der Ufa herauskam, nahmen sie darauf keine Rücksicht.

Die Produzenten besuchten uns oft nach einer Premiere und erkundigten sich, wer die Kritik schreibt. Wenn es ein ganz großer Film war, schrieb Willy Haas. Er hat für uns jahrelang gearbeitet. Haas war unabhängig und nicht in unserem Büro angestellt. Er hatte ja seine eigene Publikation „Die Literarische Welt“. Ursprünglich gehörte Willy Haas aber zur Redaktion des „Film-Kurier“. [Vom 9.6. 1920 bis zum 15. 8. 1921 ist Willy Haas laut Impressum „Für die Redaktion verantwortlich“.] Und auch später, wenn ein ganz großer Film besprochen werden sollte, haben wir Willy Haas beauftragt.

Am 25. September 1925 habe ich im „Film-Kurier“ angefangen. Ich erinnere mich so genau, weil der 25. September mein Geburtstag ist. Es gab zu der Zeit die Kino- und Foto-Ausstellung in Berlin; der „Film-Kurier“ hatte einen Stand gemietet, aber mein Stiefvater hatte eigentlich keine Ahnung, was er mit dem Stand machen sollte. Eines Tages kam der Journalist F.W. Koebner zu meinem Stiefvater in die Redaktion und fragte ihn, ob er nicht eine Arbeit für ihn hätte. Weiner gab ihm die Aufgabe, den Stand auszugestalten. Koebner hat den Stand geteilt; auf einer Seite war die Garderobe einer Filmschauspielerin aus den Anfangstagen des Films, auf der anderen aus dem Jahr 1925. Das war sehr gut gemacht und es gab viele Besucher, die sich das angesehen haben. Meine erste Arbeit bestand darin, auf diesem Stand präsent zu sein, mit den Besuchern zu reden und ihnen Exemplare des „Illustrierten Film-Kurier“ zu geben.
Mein Stiefvater war damals sehr krank. Er hatte Magenbeschwerden und man befürchtete, dass es Krebs sei. Gott sei Dank war das nicht der Fall. Meine Mutter sagte, anstatt in der Universität zu sitzen und nichts zu tun, solle ich im Büro arbeiten und das Geschäft lernen. Und das habe ich auch getan. Ich fing im „Film-Kurier“ an, als die Redaktion in die Köthener Strasse umgezogen war.
[Offiziell firmierte der „Film-Kurier“ ab dem 31. Oktober 1925 unter der neuen Adresse Köthener Strasse 37]
Mein Stiefvater hatte mir einen Raum gegeben, an dessen Tür „Archiv“ stand. Darin waren ein Stuhl, ein Tisch und eine Schreibmaschine. Ich hatte keine Ahnung, was ich da tun sollte. Also fragte ich die Redakteure, ob ich die alten Nummern des „Film-Kurier“ haben könnte; nein, die wollten sie behalten, da müssten sie immer nachsehen. Dann habe ich als erstes Briefe frankiert und so kleine Dinge gemacht und habe mich dann im Verlag umgesehen. Ich war ein Archivar ohne Archiv und auch das Frankieren von Briefen fand ich ziemlich langweilig.

Der „lllustrierte Film-Kurier“ (IFK) war eine Idee meines Stiefvaters, die er den Filmproduzenten verkaufte. Ich glaube, sie haben damals 1750 Mark bezahlt für die Auflage, die der Tageszeitung beigelegt wurde. Und da wir sehr viele Kinobesitzer als Leser hatten, konnten diese anhand des IFK genau beurteilen, um was für einen Film es sich handelte und ob er sich für ihr Publikum eignete. Und dann hatte Alfred Weiner die Idee, die Beilage, also den IFK, zusätzlich als Souvenir-Programm zu verkaufen. Das war aber anfangs keine große Sache. Wenn die Kinos die unverkauften Programme wieder zurückschickten, kamen sie oftmals ganz zerrissen wieder an. Frau Medel, die Sekretärin meines Vaters, setzte zunächst durch, dass die Kinobesitzer die unverkauften Programme nicht wieder zurückschicken durften. Und da kam ich ins Geschäft. Ich war ein ganz junger Kerl, vielleicht 19 und meinte, es sei viel besser, einige Exemplare wegzuwerfen. Und wir werden irrsinnig viel mehr verkaufen, wenn man die Leute nicht auf ihren unverkauften Exemplaren sitzenlässt. Mein Stiefvater war erst dagegen, aber mithilfe meiner Mutter, die etwas Einfluss hatte, habe ich das durchsetzen können. Wir nahmen jetzt also wieder die unverkauften Exemplare zurück. Da wurden natürlich viel größere Mengen bestellt, weil das Risiko für die Käufer geringer war. Mein Aufstieg in der Firma fing mit solchen kleinen Sachen an.

1924 druckten wir vom „Film-Kurier“ täglich etwa 5000 Exemplare, später ging es bis auf 10 000 bezahlte Abonnenten herauf. Als ich etwa 19 oder 20 Jahre alt war, wollte ich nach Leipzig, um mir dort die Messe anzusehen. Ich entdeckte unter den Büroartikeln ein neues Kartotheksystem; das hieß Kardex, eine sichtbare Kartei. Das imponierte mir sehr. Man konnte genau sehen, wann ist was bestellt worden, wann ist was zurückgekommen usw. Daraufhin habe ich unser komplettes Karteisystem umgestellt. Das neue Karteisystem kostete etwas Geld, aber ich habe meinen Stiefvater überzeugt, dass dies eine rentable Investition ist, denn im Endeffekt würde uns das neue System Geld sparen helfen. Es hat unser Geschäft vollkommen verändert. Wir wussten jetzt genau, wieviel IFK beispielsweise ein Kino in Hamburg bestellt hatte und wie viele Exemplare wieder zurückgeschickt wurden. Bald konnten wir anhand der Zahlen auch kalkulieren, wie viele Exemplare des IFK wir für den Film eines bestimmten Genres verkaufen würden. Ein Film mit Otto Gebühr als Friedrich der Große war in der Provinz viel populärer als in Berlin, andererseits war beispielweise ein Film von Richard Eichberg in Berlin oft ein Erfolg, aber ganz und gar nicht in der Provinz. Also mit dem neuen Karteisystem, mit ein wenig Mathematik und einem „guten Näschen“ haben wir die Auflage festgelegt. Das ermöglichte uns, viel größere Auflagen zu bestellen. Beim Tiefdruck ist es finanziell ein riesiger Unterschied, ob man 100 000 oder 20 000 Exemplare bestellt. Der Gestehungspreis pro Stück ging herunter und da wir die Nummern für zehn Pfennige an die Theater verkauften, erhöhte dies unseren Profit. Es gab auch Sondernummern bzw. a-Nummern. So haben wir das Geschäft mit dem IFK aufgebaut und nach ein paar Jahren war mein Name in der Firma gut angesehen.

Meine Eltern gingen im Sommer immer für längere Zeit weg aus Berlin. Ich wurde schon 1930, glaube ich, mit 23 Jahren alleiniger Geschäftsführer. Diese Zeit habe ich natürlich ausgenutzt, um Änderungen vorzunehmen. Das erste war, von der Fraktur-Schrift zur modernen Schrifttype überzugehen. Mein Stiefvater war dagegen. Er war, wie viele Wiener sehr abergläubisch – das Geschäft geht gut, warum soll man etwas ändern? 1928/29 kamen alle amerikanischen Firmen nach Deutschland und eröffneten hier ihre Büros: MGM, Paramount, Warner Brothers, First National, Fox, usw. Ich hatte in der Schule zwar Englisch gelernt, war mir aber bewusst, dass das nicht reichte. Also ging ich zu Berlitz und nahm 50 Privatstunden. Danach konnte mich auf englisch ganz gut verständigen. Ich befreundete mich mit den Amerikanern. Einer sagte: „Deine Zeitung ist wunderbar, aber ich kann sie nicht lesen. Diese Schrift können wir gar nicht entziffern.“ Mein Stiefvater wollte nichts von einer Änderung wissen. Und während seines Urlaubs habe ich die Schrifttype auf eine lateinische Type umgestellt. Mein Stiefvater hat es im Urlaub gar nicht mitbekommen. Als ich meine Eltern mit dem Auto vom Bahnhof abholte, zeigte ich ihm die aktuelle Ausgabe. Er warf einen Blick darauf und sagte: „Hmh – ganz gut!“ Mit anderen Worten: viele Inserate. Er bemerkte nicht die Veränderung des Schriftcharakters – bis wir nach Hause kamen. Meine Mutter machte ihn darauf aufmerksam. Für die Amerikaner war dies eine ganz große Sache. Jetzt konnten sie den „Film-Kurier“ lesen.
Ich hatte damals ein Abkommen mit dem Chefredakteur von „Variety“ in New York, dass wir uns gegenseitig plündern konnten. Sein Name war Abel Green. Als er nach Berlin kam, entschied er, dass „Variety“ nunmehr einen eigenen Korrespondenten haben müsse. Ich empfahl ihm meinen Freund Max Magnus, der für die „Revue des Monats“ schrieb und dann jahrelang für „Variety“ arbeitete. Die Amerikaner waren natürlich gute Inserenten.
1929 kam der Tonfilm. Die Ufa hatte fast ein Monopol auf den deutschen Film. Es gab andere sehr gute Produzenten, es wurden sehr gute unabhängige Filme gemacht, aber die Ufa war so unerhört größer als alles andere, dass sie wirklich den deutschen Film dominierte. Damals gab es Einfuhrbeschränkungen; man konnte einen ausländischen Film für die Produktion eines deutschen Films importieren. Die Ufa wollte das auf 2 zu 1 ändern. Wir haben im „Film-Kurier“ sehr viele Artikel darüber publiziert. Gott sei Dank ist es uns gelungen, die 1 zu 1 Bestimmungen zu behalten.

Ein freier Mitarbeiter war Georg Otto Stindt; er hat ein Buch für die Kinovorführer, die Projektionisten, verfasst. Am Ende des Buches gibt es einen Zusatzartikel über Raumakustik, den ich geschrieben habe. Als Gasthörer an der TH hatte ich mich informiert.
[Es handelt sich wahrscheinlich um den von G.O. Stindt herausgegebenen Band „F.K.-Tonfilmkursus“. Erweitert durch Tabellen und Beiträge namhafter Tonfilm-Praktiker, herausgegeben von der Kinotechnischen Rundschau 1931. Verlag: Filmkurier GmbH]
Ansonsten habe ich sehr wenig geschrieben, höchstens wenn ich mich über irgendetwas geärgert habe. Manchmal auch einen Leitartikel, aber Leitartikel haben wir nicht gezeichnet. Es gibt nur sehr wenige mit „lum“ unterzeichnete Artikel. Ich war viel mehr mit dem Verlag beschäftigt als mit der Redaktion.

Die Redaktion hat sich um die Verlagsinteressen gar nicht gekümmert. Ich war so etwas wie eine Mittelsperson und war mit allen Mitarbeitern sehr befreundet. Wir haben uns gut verstanden, ich war diplomatischer als mein Stiefvater. Alfred Weiner hätte gern die Ufa stärker unterstützt; die Redaktion war dagegen und hatte gewöhnlich Recht damit. Alfred Weiner war ethisch sehr korrekt und achtete darauf, dass die Kritiker unabhängig blieben. Wir haben sie, glaube ich, auch gut bezahlt. Und es waren alles sehr anständige Leute: Ernst Jäger, Hans Feld … Manchmal waren sie neidisch aufeinander. Warum hat der den Film gekriegt oder ähnliches. Aber das war nicht gravierend. Sie haben sich eigentlich alle gut vertragen. Wir haben an sich keine sehr große Redaktion gehabt: (Ernst) Jäger, (Hans) Feld, (Georg) Herzberg, Lotte H. Eisner, die eine sehr tüchtige Frau war, Dr. (Richard) Otto. Von Dr. Otto habe ich alles über das Zeitungsmachen gelernt, der war früher bei Reuter. Er wusste alles, er hatte auf jede Frage die richtige Antwort. Er war ein schwacher Schreiber, aber technisch wusste er sehr viel. Otto ging fast jeden Tag zum Umbruch. Er konnte den Umbruch ohne Spiegel lesen, das imponierte mir sehr. Ich konnte das nicht, bis zum Schluss brauchte ich einen Spiegel, um die Schriftzeichen lesen zu können.

Meine Mutter fuhr regelmäßig nach Paris, um ihre Mutter und die Verwandten zu besuchen. Als Hitler 1933 Reichskanzler wurde, war sie wieder in Paris und ich schickte meinen Vater zu ihr, damit er in Sicherheit war. Ich hatte schon Prokura und konnte den Verlag allein leiten. Dann bekam ich Nierensteine, eine sehr unangenehme Krankheit; mein Vater kam zurück und schickte mich nach Paris, um die Krankheit auszukurieren.  Ich blieb dort eine ganze Zeit und wusste gar nicht, was alles in Deutschland geschah. Wir waren das offizielle Organ des Reichsverbands der Lichtspieltheaterbesitzer und Adolf Engl, der neue Präsident des Reichsverbandes, bedrohte meinen Stiefvater; Weiner unterschrieb ein Abkommen, mit dem er die Zeitung an den Reichsverband verpachtete. Womit Engl Weiner drohte, weiß ich nicht, aber es muss gravierend gewesen sein, denn Weiner war kein Feigling und ließ sich nicht so leicht einschüchtern.
Ich war dann eine Zeitlang in Paris und wir sollten zu einem gewissen Termin das Pachtgeld bekommen. Natürlich kam nichts. Im zweiten Monat auch nicht und auch am dritten nicht. Im Herbst bin ich zurück nach Berlin und fand hier eine völlig veränderte, furchtbare Lage vor. Wir hatten das Recht behalten, die Bücher zu prüfen. Ich ließ mir die Bücher zeigen und es fehlten ungefähr 100 000 Mark an den Aktiven. Wo das Geld geblieben war, war aus den Büchern nicht ersichtlich. Als ich nach Berlin kam und sah, was geschehen war mit den Aktiven usw., setzte ich mir in den Kopf, den Pachtvertrag zu annullieren. Wir verhandelten mit dem Reichsverband, dessen Sozius ein gewisser Dr. Egberts war, ein sehr netter, feiner, anständiger Mann. Mit dem habe ich gesprochen. Mit Engl habe ich überhaupt nicht gesprochen. Ich ging damals zu Leni Riefenstahl, die Ernst Jäger sehr gut kannte. Jäger vermittelte das Gespräch. Ich sagte zu ihr: „Ich weiß, dass Sie etwas Einfluss haben bei den höheren Nazis und gewiss kann es nicht die Absicht der Nazipartei sein, dass Leute sich selbst persönlich bereichern. Bei uns fehlen ungefähr 90 000 bis 100 000 Mark an Aktiven in einem Zeitraum von 6 bis 7 Monaten. Und das ist etwas, das nicht geduldet werden kann.“ Sie sagte, sie werde darüber sprechen. Das nächste, was ich hörte, war, dass Engl für etwa 6 Monate nach Dachau geschickt wurde. Dann bekam ich von Egbert die Anteile vom „Film-Kurier“ wieder zurück und war wieder Geschäftsführer der Zeitung. Die hatten dann einen Journalisten engagiert, einen Nazi. Göring hatte eine Rede gehalten. Am nächsten Tag wollten die neuen Leute diese Rede auf der ersten Seite des „Film-Kurier“ haben. Ich sagte: „Nein. Wir sind eine Filmzeitung, eine Fachzeitung. Der „Völkische Beobachter“ oder andere werden diese Rede abdrucken. In unsere Zeitung passt das nicht. Ich will das nicht.“ Der Umbruch kam, die Zeitung kam raus und die Rede war gedruckt.

Ich habe den Journalisten rausgeschmissen. Aber das konnte man damals nicht so einfach tun. Es gab den „Treuhänder der Arbeit“. Wir hatten damals 60 bis 65 Angestellte in der Firma. Unter anderem hatten wir drei Radfahrer, die die Zeitungen zu den Kiosken brachten; die waren früher Kommunisten und nach dem Umsturz Nazis – „Brown shirts‘ von einem Tag zum anderen. Ich wurde zum „Treuhänder der Arbeit“ berufen und dort saß mein Radfahrer, der war jetzt Vertrauensperson der Partei. Und da habe ich dem „Treuhänder“ eine Rede gehalten, dass ich für ungefähr 62 Leute verantwortlich bin. Unsere Zeitung könne nur bestehen, wenn die Filmleute sie auch lesen. Wir seien kein politisches Organ, Politik gehöre nicht hinein. Ich sei der Geschäftsführer. Der Mann habe gegen meinen Willen einen politischen Artikel im „Film-Kurier“ abgedruckt. Und der „Treuhänder“ hat mir Recht gegeben. Das hat mir etwas Respekt verschafft gegenüber all‘ den Nazis; sie dachten, der Junge hat doch bestimmt Beziehungen. Sie wussten, dass der Engl weg war. Solche Sachen machte ich, um mich durchzusetzen und mir Freiraum zu verschaffen. Beispielsweise habe ich zu der Zeit den Freikorpsführer und Kapitän Hermann Ehrhardt durch die Räume des „Film-Kurier“ geführt. Ehrhardt war ein bekannter Nationalist und Gegner der Demokratie. Dass ich Ehrhardt kannte, machte bei den Mitarbeitern natürlich Eindruck und schützte mich auch. Eine Zeitlang funktionierte das – aber nicht auf Dauer. Die Atmosphäre in der Redaktion war ganz furchtbar; von den 62 Mitarbeitern waren 61 Nazis. Alles, was ich sagte und tat, wurde sofort an die Partei gemeldet. Georg Herzberg traf ich einmal in einer Konditorei; er trug eine SA-Uniform und erklärte mir: „Mit meinem Aussehen und meinem Namen muss ich das tun, um zu überleben.“ Das konnte ich verstehen, so war die Lage ja damals. Ich hatte einen tschechischen und einen französischen Pass. Wenn ich Deutscher gewesen wäre, wäre mein Handeln unmöglich gewesen. Dann kam eine merkwürdige Sache: Wir hatten einen Konkurrenten. Das war der Carl Wolffsohn, der Inhaber der „Lichtbild-Bühne“. Mein Stiefvater und Wolffsohn waren Erbfeinde, die hassten sich.

Sie haben in der Zeitung gegeneinander polemisiert – es war furchtbar. Wir hatten vor Jahren einen Prozess gegen die „Lichtbild-Bühne“ angestrengt, weil sie den „Illustrierten Film-Kurier“ kopiert hatten. Es gelang uns, erst durch eine einstweilige Verfügung, später in der ersten Instanz, dann im Kammergericht zu gewinnen. Wir hatten einen sehr guten Anwalt, Dr. Richard Frankfurter. Es war meine Aufgabe, ihm bei bei dem Aufsetzen der Schriftsätze den ‚Background‘ zu geben. Eines Tages rief Frankfurter an und warnte vor der Möglichkeit, beim Reichsgericht nicht mehr zu gewinnen. Man könne eine Idee nicht schützen. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir ein Monopol wegen des „Illustrierten Film-Kurier“. Aber ob wir dies behalten würden …? Ich wusste, dass mein Stiefvater es niemals zulassen würde, wenn wir nicht bis zur letzten Instanz gingen. Frankfurter schlug vor, ein Abkommen mit Wolffsohn zu treffen, um den Prozess vor dem Reichsgericht zu vermeiden. Es sei besser, zu zahlen, aber dafür das Monopol zu behalten. Ich traf ein Abkommen mit Wolffsohn, pro verkauftes Exemplar des „Illustrierten Film-Kurier“ einen gewissen Betrag an ihn abzutreten. Ich weiß nicht mehr genau, wie hoch der Betrag war, ein Pfennig oder anderthalb. Nun musste ich dies meinen Stiefvater beibringen. Im Endeffekt verstand er, dass es besser war, zu bezahlen als das Monopol zu verlieren. Er zog die Klage jedoch nicht zurück und wir verloren vor dem Reichsgericht. Aber dies wurde in den Mantel des Schweigens gehüllt und so wusste niemand, dass wir das Monopol nicht mehr hatten. In Wien gab es einen Verleger, der ein ähnliches Format publizierte, den „Wiener Film-Kurier“; der Verlag hat an uns Lizenzen bezahlt.

Jäger kam nach der Engl-Episode an den „Film-Kurier“ zurück, war aber sehr ‚down‘, sehr gedrückt. Sonst war er sehr dynamisch. Wir haben zusammen gearbeitet, aber ich habe nicht viel aus ihm herausgekriegt.
Seine Frau war Jüdin und er wusste, dass dies ein Handicap für ihn war. Ich glaube, dass es eine gute Ehe war. Sie hatten ein Kind. Aber sie haben sich eventuell deswegen scheiden lassen. Was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht. Also all‘ das hat Jäger bedrückt. Wir haben nicht ganz offen darüber gesprochen, aber ich habe das alles gefühlt. Jäger war ein ausgezeichneter Journalist. Er war absolut für diese Art Fachzeitungen gemacht. Er war anständig, er hat sich nicht korrumpieren lassen. Er bekam, glaube ich, 3000 Mark im Monat. Das war damals viel Geld. Wir haben alle unsere Leute gut bezahlt, damit sie sich nicht bestechen lassen können. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie lange ich noch in Berlin blieb. Ich ging wieder nach Paris, um frische Luft zu atmen, kam nach einigen Wochen wieder und das habe ich vielleicht drei-, vier-, fünfmal gemacht. Inzwischen hatte ich einen Freund von mir engagiert und als Geschäftsführer eingestellt. Das war Werner von Herrenhausen, der einen guten Namen hatte und sonntags immer bei Herbert von Dirksen war, wo er mit den Obernazis zusammentraf.
[Herbert von Dirksen,deutscher Botschafter in Moskau, Tokyo und London.]
Ich dachte, dies sei ganz gut. Seine Attitüde, seine innere Haltung änderte sich. Er sprach nicht mehr so oft mit mir. Ich wurde mir bewusst, dass sich etwas geändert hatte, irgendjemand hatte ihn beeinflusst. Schließlich habe ich ihn rausgeschmissen, gab ihm drei Monatsgehälter als Abfindung (etwa 10 000 Mark). Inzwischen wurden die Nazis merklich immer mächtiger. Ich hatte einen anderen Strohmann als Geschäftsführer eingestellt. Wolffsohn rief mich an und warnte, die Nazis würden an der Macht bleiben, und es würde nicht gut gehen. Wolfssohn war immer noch in Berlin und hatte seinen Verlag an Franke, Stumpf und Bettenhausen verpachtet; später hat er ihn dann an sie verkauft. Wolfssohn stellte den Kontakt zu der Gruppe um Franke her; bei Erfolg wollte er eine Kommission haben. Das war eben Wolfssohn.
Diese drei waren auch am „Film-Kurier“ interessiert. Wir hatten damals unseren Verlag in „Unitas-Verlag“ umbenannt. Die Firma von Franke, Stumpf und Bettenhausen übernahm schließlich den „Film-Kurier“-Verlag. Der Preis war lächerlich. Ich glaube, drei Jahre früher bot Rudolf Mosse meinem Stiefvater 2 Millionen Mark für die Firma und Herr Weiner hat es nicht angenommen. Jetzt bekamen wir für das Verlagsrecht 200 000 Mark in barem Geld. Die Firma von Franke, Stumpf und Bettenhausen übernahm die Liquidation des „Illustrierten Film-Kuriere“. Das war etwa eine Summe von über 100 000 Mark, etwa 150 000 Mark. Eines Tages wurde ich in meinem Büro von der Zollfahndung verhaftet. Ich wurde in das Inneministerium gebracht und von morgens 9.00 Uhr bis abends um 6.00 Uhr festgehalten. Was war passiert? Auf unserem Konto hatten wir ein Plus von 200/300.000 Mark; für 200 000 Mark habe ich Aktien für die Firma gekauft und in einem Safe in der Wertheim-Bank deponiert. Unser Buchhalter bemerkte, dass ich 200.000 DM entnommen hatte und meldete das dem Zoll, weil er annahm, dass ich das Geld ins Ausland transferieren wollte. Auf Devisenschmuggel stand damals die Todesstrafe. Ich hatte aber nur Aktien von guten deutschen Industriefirmen gekauft, AEG, Siemens, Hapag als sichere Anlage für unser Betriebskapital. Das war nichts Gesetzwidriges. Die Aktien wurden noch am selben Tag gepfändet und ich wurde aus dem Verhör entlassen. Die Nacht habe ich in einer kleinen Pension verbracht, den folgenden Tag in der Villa eines guten Bekannte, dem Industriellen Hugo von Lustig. Am Abend nahm ich den Nachtzug nach Paris und wusste, ich kann nicht mehr zurück. Mein Anwalt strengte eine Klage gegen das Deutsche Reich an. Der Anwalt hieß Fritz Ludwig; er war schon ganz früh aus Idealismus in die NSDAP eingetreten und war aber trotzdem ein feiner, anständiger Charakter. Innerhalb von vier, fünf Wochen haben wir die Aktien zurückbekommen. Damals gab es noch die guten, deutschen Richter, die sich nicht von den Nazis beeinflussen ließen. Ich habe die Akten sofort wieder verkauft. Jetzt hatte ich den „Film-Kurier“ verpachtet. Es wurde auf Franke, Stumpf und Bettenhausen Druck ausgeübt. Stumpf kam nach Paris und sprach mit meinen Eltern und mir. Wir hatten keine Wahl und wir verkauften das Verlagsrecht für 200 000 Mark. Die 200 000 Mark für den °“Film-Kurier“ und die 200.000 Mark aus dem Aktienverkauf wurden durch einen Kurier, einen holländischen Diplomaten, aus Deutschland herausgebracht.

Jäger kam mit Leni Riefenstahl nach Los Angeles, nach Hollywood. Er war Riefenstahls Pressechef. Leni Riefenstahl ging nach New York, New Orleans, Los Angeles, um Geld für die Nazis zu bekommen. Es gab viele Leute in Amerika, die mit Hitler vollkommen einverstanden waren. Es war Geld für die Partei. Mache von den Leuten, die Geld gaben, kannte ich. Es waren absolut reaktionäre Leute, amerikanische Geschäftsleute, die für Hitler waren. Jäger hat dann die Riefenstahl verlassen und sich in Hollywood niedergelassen. Er hat für eine kleine Zeitschrift geschrieben, die „Hollywood Tribune“ von Dupont. Er zeigte mir diesen Artikel „How Leni Riefenstahl became Hitlers Girlfriend“ und ich kann mich noch an den Satz erinnern: ‚That night he became her Adolf’…
Jäger hat später geheiratet, eine Journalistin. Er hat mit dieser Frau eine Zeitlang in Santa Barbara gelebt. Dann ging irgendetwas schief und es ging ihm eine Zeitlang sehr, sehr schlecht. Er wurde Sekretär von Richard Oswald. Oswald war damals sehr alt und sehr krank. Es war sicherlich keine sehr angenehme Arbeit. Die beiden haben manchmal in einem Restaurant gegessen, in das ich öfter kam und ich kann mich erinnern, dass Jäger Oswald fütterte.