Roland Schacht: Filmproduktion und Filmkritik (1923)

Nachdem die Industrie eine Zeitlang nach einer Kritik, die sie ernst nahm, sehnsüchtig ausgeschaut hatte, steht sie heute vielfach, eingestandenermaßen oder nicht, einer allzu ernsthaften Kritik mit einem gewissen unbehaglichen Misstrauen gegenüber. Die Filmproduktion, so heißt es, ist ein Geschäft, das sich im Wesentlichen an Geschäftsleute, Verleiher und Theaterbesitzer wende, die ihr Publikum besser kennen als der Kritiker, der ja mehr als Publikum sein solle. Die Kritik könne also in die glatte Abwicklung dieses geschäftlichen Prozesses nur hemmend und störend eingreifen. Die Verleiher aber und Theaterbesitzer sind zwar gnädig genug, sich günstige Kritiken gefallen zu lassen, aus Verdruss über ungünstige aber, die einfach als geschäftsstörend empfunden werden, vielfach geneigt, der Kritik jede Wirksamkeit abzusprechen. Wenn ein Film gefällt und die nötige Reklame gemacht wird, sagen sie, gehen die Leute hinein trotz schlechter Kritiken. Vielfach liest das Publikum die Kritiken auch gar nicht. Auch wird häufig mit Unmut geltend gemacht, dass die Kritiker „keine Fachleute“ seien, „vom Film überhaupt nichts verstehen“ und überhaupt die Unverschämtheit besäßen, über Sachen, deren Herstellung monatelange Mühen und riesige Kosten erforderte, in fünf, sechs Zeilen absprechend herzuziehen.
Dieser letztere Verdruss namentlich ist psychologisch verständlich. Logisch ist er nicht. Die Länge macht’s nicht. Ob das Publikum sich beeinflussen lässt, bleibe dahingestellt, persönlich bin ich viel zu bescheiden, den Einfluss der Presse zu überschätzen, darf aber immerhin darauf hinweisen, dass in Filminseraten vielfach Urteile der Presse angeführt werden. So ganz ohne dürfte also der Einfluss der Presse nicht sein. Ein Teil der Einwände aber erscheint auf den ersten Blick gar nicht so unberechtigt.
Auch die Kritik hat, wie der Film selbst, ihre Lehrjahre gehabt. Ganz wie die Produktion selbst hat sie sich von einer literarischen Einstellung freimachen, hat erst lernen müssen, den Film mit seinen eigenen Maßstäben zu messen. Literarisches, aber Unfilmisches ist gelobt, Zukunftsreiches bisweilen nicht so gewürdigt worden wie es verdient hätte. Aber auch die „Sachverständigen“, die Fachleute selbst sind ja, mitten in der vielgerühmten Praxis stehend, Wege gegangen, die später eingestandenermaßen als Irrtümer erkannt worden sind. Auf die Dauer ist es keiner noch so intensiv betriebenen Reklame der „Fachleute“ gelungen, Minderwertiges durchzusetzen. Freilich kann eine ungünstige Kritik das Geschäft beeinträchtigen. Aber ein lässige Arbeit beeinträchtigt es auf die Dauer viel mehr. Gibt man das zu, und die Erfahrung zwingt dazu, so fällt ein großer Teil der gegen die Kritik gerichteten Vorwürfe zusammen. Dass der Kritiker Liebe, ja Leidenschaft zur Sache mitbringen muss, ist selbstverständlich. Aber Liebe ist nicht gleichbedeutend mit Lob, es kann auch mal gehen nach dem alten Satz: “Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie.“
Was ist nun eigentlich der Zweck der Kritik?
Es ist selbstverständlich, dass ich mir nicht anmaße, der Filmkritik Richtlinien vorschreiben zu wollen. Aber es ist vielleicht nicht ganz unnützlich, einige rein subjektive Ansichten vom Wesen der Filmkritik auszusprechen.
Ferne sei es von mir, zu behaupten, die Krititk wolle oder solle schulmeisterlich die Produktion belehren. Wer lange schreibt, weiß, dass sich kein wirklich Produzierender, Schöpferischer von Außenstehenden beeinflussen lässt. Es ist auch ein Irrtum, anzunehmen, der Kritiker ginge ins Theater, um Zensuren auszuteilen. Zensuren besagen meist wenig und kommen fast immer zu spät. Ich persönlich gehe in jeden Film mit dem besten Vorsatz, mich nach Kräften zu amüsieren wie der letzte Publikumsbesucher. Nicht ganz so naiv, denn ich kenne mehr Filme als der Durchschnitt des Publikums, aber doch ganz so gewillt, für mein Geld oder doch für meine Zeit eine Gegengabe dankbar in Empfang zu nehmen. Amüsiere ich mich, so bin ich glücklich und verleihe dieser Beglückung Ausdruck, amüsiere ich mich nicht, so untersuche ich, warum.
Aber man ist doch mal „schlecht aufgelegt“ oder müde? Kein Kritiker ist schlecht aufgelegt, es bedarf nur eines sehr geringen Trainings, dergleichen Hemmungen auszuschalten. Aber selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, gilt nicht das gleiche auch vom Publikum? Der starke Film setzt sich durch gegen alle Stimmungen, muss es, sonst war er eben nicht stark genug.
Der Kritiker ist also die geläuterte, zusammengefasste Stimme des Publikums.
Man täusche sich darüber nicht: Das Publikum hat, ungeachtet seiner starken Beeinflussbarkeit durch Reklame, ungeachtet seiner häufig rein aufs Stoffliche gerichteten Einstellung, seiner Wehrlosigkeit gegen Effekte, einen im ganzen sehr richtigen, auf die Dauer fast untrüglichen Instinkt. Im Film mehr noch als in anderen Kunstgattungen. Der Kritiker verleiht diesem Instinkt nur rascher, klarer, präziser Ausdruck und begründet, was im Publikum bloßes Gefühl bleibt.
Aber ist dann die Kritik nicht erst recht überflüssig? Und stört sie nicht häufig das Geschäft, das doch die Voraussetzung aller Produktion ist?
Sie nützt dem Geschäft, wenn sie günstig lautet. Dann ermutigt sie die Produktion und führt ihr Konsumenten zu. Es ist ganz selbstverständlich, dass die Kritik diese Möglichkeit nützen wird. Loben ist seliger denn tadeln. Der Kritik geht es um die gute Sache. Aber gerade um der guten Sache willen muss sie auch das Recht haben, Mängel festzustellen. Die Bekämpfung des Minderwertigen schafft Raum für das Gute. Nichts schadet einem Produktionszweig mehr, als wenn Unfähige meinen, mit Geld sei darin alles zu machen. Nichts entmutigt die gewissenhaften und begabten Produzenten stärker, als den Schund gelobt zu sehen.
Vor allem aber: die Kritik erst macht den Film aus einem bloßen Spielzeug, aus einer bloßen Konfitüre zu einer geistigen Angelegenheit. Erst dadurch wird es möglich, dass die Filmproduktion, zur öffentlichen Angelegenheit geworden, zum Tummelplatz geistiger Energien wird. Damit ist nicht artistischen Experimenten, literarischen Verstiegenheiten, unsachlichem Dilettantismus das Wort geredet. Nichts ist einem Fabrikationszweig, ganz einerlei, ob es sich um Stühle oder Parfüm, Kleider oder Teetassen handelt, auf die Dauer gefährlicher, verderblicher, als wenn er der bloßen handwerklichen Routine überlassen bleibt. Überall werden sie dadurch gefördert, dass stetig neue geistige Energien sich in den Dienst der Allgemeinheit stellen. Bleibt diese Allgemeinheit stumm, wie sollen diese Energien geweckt werden? Den Film als geistige Angelegenheit darzustellen, als eine Sache, des Schweißes der Edlen, der Besten wert, bleibt die vornehmste Aufgabe der Kritik, und die Produktion selbst wird bei solcher Einstellung zu allererst auf ihre Kosten kommen.

In: B.Z. am Mittag, Beilage Film-B.Z., 25. 11. 1923