Veit Harlan Provokation in Hamburg 1948 – Drei Briefe

Veit Harlan wurde im Dezember 1947 vom Zentralausschuß für die Ausschaltung von Nationalsozialisten in die Gruppe V der Entlasteten eingestuft. Im April 1948 wollte Harlan mit seiner Frau Kristina Söderbaum an der Zonalen Erstaufführung des DEFA-Films Ehe im Schatten (1947; Regie: Kurt Maetzig) im Hamburger Waterloo-Theater teilnehmen. Beide wurden noch vor Beginn des Films aufgefordert, das Theater zu verlassen.
Die folgenden Briefe wurden veröffentlicht in: film-echo, Hamburg, Nr. 5, Mai 1948

Veit Harlan an H.B. Heisig, Waterloo Theater, Hamburg.
19.4.48

Um die Möglichkeit auszuschalten, dass falsche Versionen über meine Anwesenheit in Ihrem Theater verbreitet werden. teile ich Ihnen Folgendes mit:
Selbstverständlich würde ich es ablehnen in ein Theater zu gehen, in dem meine Anwesenheit unerwünscht ist. Weder meine Frau noch ich sind eine solche Absurdität gewöhnt. Ich musste aber annehmen, dass die Einladung und die beigelegten Karten vom Waterloo-Theater stammten, als ich sie erhielt. Das Waterloo-Theater lud mich ja auch zur Käutner-Premiere ein. Des Oefteren war ich mit von Ihnen eingeladenen Mitgliedern des Komitees ehem. politischer Häftlinge in Premieren Ihres Theaters. Es war also keinesfalls verwunderlich für mich, die Einladung erhalten zu haben.
Nachträglich stellte ich fest, dass Freunde, die hinter uns saßen, von Ihnen je zwei Einladungskarten bekommen hatten. Sie schickten uns diese Karten. Diese Freunde setzten sich nebeneinander und gaben ihre Gastkarten an uns. Da es den Gästen, denen Sie die Karten zuschicken, natürlich freistehen muss, wen sie auf die Karte mitnehmen wollen, haben Sie sich durch Ihre Handlungsweise (meinetwegen „aus Druck“) in ein Unrecht gesetzt, das Ihnen, wie ich durch zahllose Anrufe habe feststellen können, bei vornehmen Menschen nicht zur Ehre gereichen wird.
Die Welt ist rund. Eines Tages wird meine Frau wieder auf der Leinwand sein und ich neben der Kamera – ich mochte Ihnen daher im Sinne einer weit schauenderen Vernunft den Rat geben, sich für die peinliche Szene zu entschuldigen. Der Besitzer eines Filmtheaters sollte namentlich vor dem Namen Kristina Söderbaum so viel natürliche Achtung besitzen, wie er mit diesem Namen einstmals Geld verdient hat, wenn ihn schon unsere Berufsehre nicht in einem tieferen Sinne – über den politischen Tagesskandal hinaus – mit ihm verbindet.
Veit Harlan

 

Bernd H. Heisig
Hamburg, den 26. April 1948
Den Empfang Ihres Schreibens vom 19. April bestätigend, finde ich Ihr Ansinnen, mich bei Ihnen zu entschuldigen für das, was nach meiner Ansicht einer Taktlosigkeit Ihrerseits entsprang, gelinde gesagt, absurd. Ich mochte deshalb nicht versäumen, Ihnen klar und mit aller Entschiedenheit zum Ausdruck zu bringen, dass ich weder heute noch zu einem anderen Zeitpunkt die Möglichkeit zu einer solchen Reverenz sehe.
Wie Sie in den Besitz der Premierenkarten gekommen sein wollen, ist für Ihr Ansinnen von sekundärer Bedeutung. Ich bin sogar bereit, Ihre Konstruktion dieses Zufalles als zutreffend zu unterstellen. Jedenfalls erscheint mir Ihr Brief, Herr Harlan, sowie die darin gestellte Forderung nicht wichtig genug, dass ich, Ihrer Konstruktion folgend, auch noch Zeit daran wenden sollte. Auch „vornehme“ Menschen können m. E. selbst bei aller Toleranz nicht die Ansicht vertreten, dass sich der Regisseur des Jud Süß als Ehrengast in der Premiere von Ehe im Schatten am richtigen Platz befände. Da hören alle Konstruktionen auf, denn da beginnt das Taktgefühl.
Ich hatte nicht die Absicht, den Vorfall stärker aufzubauschen, als er es wert ist, weil ich der Ansicht war, dass die Überlegung nach diesem Vorfall bei Ihnen liegen müsse. Ich stelle fest, dass dies ein Trugschluss war. Im übrigen wollen Sie mir bitte selbst überlassen, meine Handlungsweise so einzurichten, dass sie mir bei vornehmen Menschen zur Ehre gereicht. Ich glaube nicht, dass ich dazu Ihres Rates bedarf.
„Die Welt ist rund“, Herr Harlan, aber sie hat dennoch viele Ecken. Ich stehe nicht an, mich berufen zu fühlen, Sie im Einzelnen auf jeden dieser Vorsprünge aufmerksam zu machen. Sie verkennen durchaus meine Stellung und meinen Abstand zu Ihnen, wenn Sie von mir über das Vorgelegte hinaus Aufschlüsse erwarten.
Ihrer „weitschauenden Vernunft“ zu folgen, halte ich nicht für ratsam. Wenn Ihre „Vernunft“ wirklich so weitschauend gewesen wäre, hätten Sie wohl kaum Ihren Durchhalte- Kolberg noch vollendet. Den totalen Zusammenbruch zu erkennen, der sich damals auch für den Unbefangensten klar abzeichnete, bedurfte keiner vorausschauenden Fähigkeiten. Die Zeitspanne zwischen der Premiere in der Festung La Rochelle und dem Datum Ihres Briefes ist wirklich nicht übermäßig weit bemessen. Sie gestatten also, Herr Harlan, dass ich über diese, Ihre „weitschauende Vernunft“, meine höchsteigene Meinung habe.
Ich darf Ihnen aber heute noch einmal, wie auch an jenem Abend, ausdrücklich mitteilen, dass es mir fern gelegen hat, Ihre Gattin zu desavouieren, und zwar nicht aus dem von Ihnen angezogenen, materiellen Grunde – das Waterloo hat während seines Bestehens weder einen Harlan-Film noch einen Filmstreifen mit Kristina Söderbaum gezeigt – sondern aus den Taktgründen, die unter guterzogenen Menschen nun einmal üblich sind. Ich kann Ihrem Schreiben nur entnehmen, dass wir auch über diese Auffassung geteilter Meinung sind. Sie gestatten mir, dass ich darüber nicht traurig bin.
gez. Heisig

 

Walter Koppel
Hamburg, den 26. April 1948.
Lieber Herr Heisig!
Den Brief des Herrn Harlan, den Sie mir freundlicherweise zur Einsicht übersandten, habe ich aufmerksam gelesen. Es würde genügen, ihn als neue Unverschämtheit des Regisseurs und Mitautors von Jud Süß zu verbuchen, wenn er nicht eine politische Perspektive erkennen ließe, die uns aufhorchen lässt.
„Die Welt ist rund“, schreibt Herr Harlan, und das ist seine Beweisführung dafür, dass er eines Tages wieder neben der Kamera stehen wird – eben weil die Welt rund ist und nicht etwa, weil Harlan doch kein Verbrecher ist, der nicht mehr neben der Kamera stehen darf, weil er sie missbrauchte, weil er sie zum Werkzeug der Verhetzung und Aufreizung zum Mord machte.
„Die Welt ist rund“: Das ist bei Harlan nicht nur eine Feststellung, sondern vielmehr eine Spekulation, die ihn und seinesgleichen schon wieder zu Drohungen ermutigt.
„Die Welt ist rund“: Diese prononcierte Feststellung birgt die ganze Lebensweisheit des Opportunisten in sich und alle Philosophie des laissez faire. Beide Lebensanschauungen sind denen verabscheuungswürdig, die gegen die Anwesenheit Harlans während der Premiere Ehe im Schatten protestierten. Meine Freunde und ich, zu deren Sprecher ich mich bei Ihnen machte, als ich Sie auf die Anwesenheit von Harlan hinwies, sehen in diesem den Hersteller des gelungensten Hetzwerkes der Nationalsozialisten überhaupt und machen ihn mitverantwortlich für ihre eigenen Leiden und den Tod von Eltern, Geschwistern, Freunden oder „nur“ Mitmenschen, vor deren Existenzen sie Achtung haben im Gegensatz zu Veit Harlan. Aus dieser Achtung heraus, und im Andenken an Millionen Gemordeter entstand Ehe im Schatten.
Viele Pressestimmen sprechen davon, dass sich Harlan taktlos benahm, als er die festliche Premiere, die vielen von uns eine Herzenssache war, besuchte. Ich glaube, es war mehr als eine Taktlosigkeit, es war eine Provokation, und dafür, dass sie unwirksam wurde, möchte ich mich bei Ihnen, Herr Heisig, nochmals bedanken.
Ertragen Sie mit Fassung den Vorwurf, nicht „vornehm“ gehandelt zu haben, er kommt aus einem Munde, der die vornehme Sprache des Herrn Goebbels sprach.
Ich bin mit den besten Grüßen Ihr
gez. Walter Koppel