Wen immer es betrifft (1983)

Entwurf: Gottfried Helnwein

Vorbemerkung
Laut Vertrag mit der OKO-Film musste der fertige Film von Marlene Dietrich vor der ersten öffentlichen Vorführung genehmigt werden. Marlene Dietrich konnte die Vorführung des fertigen Films verhindern, sofern sie dagegen nachvollziehbare und vernünftige Gründe vorzubringen hatte.
Es gibt verschiedene Entwürfe dieser Erklärung, die Marlene Dietrich an ihren Anwalt schicken wollte, um die Vorführung zu verhindern. Der vorliegende Entwurf trägt den handschriftlichen Zusatz „Nicht Gut“. Streichungen wurden nach dem Original übernommen, grammatikalische bzw. Rechtschreibfehler wurden stillschweigend korrigiert.
Der Film wurde am 24. Februar 1984 bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin uraufgeführt.

WEN IMMER ES BETRIFFT (ANGEHT)!
Die Unterzeichnete erklärt hiermit folgendes:

Bevor sie den Vertrag mit OKO-FILM G.m.b.H, München, vom 5. April 1981 unterschrieb, war sie sich vollkommen über die Bedeutung des Wortes (Begriffs) „DOKUMENTAR” bewusst, nachdem sie sämtliche Dokumentar-Filme von Francois Reichenbach, dem weltbekannten Großmeister dieser Gattung, studiert hatte.
In dem betreffenden Vertrag wurde vereinbart (ausgemacht/ festgelegt), dass es sich ausschließlich um die Tonaufnahmen ihres „Kommentares“ zu dem sichtbaren Produkt (Bildmaterial) zwecks Verwendung in dem Medium des Fernsehens (Television) handelt.

Obwohl das sogenannte (angeblich) beendete „Dokumentar“ sich bereits im April 1982 in den Händen der OKO-Film befand, erhielt die Unterzeichnete eine sehr fehlerhafte schwarz-weiß Kopie in Form einer Video-Kassette – mit Hilfe von Prof. Dr. Nordemann, Berlin – erst am 17.Okt. 1983.
Das oben erwähnte „Dokumentar“ ist eine Parodie der sogenannten Legende von (über) Marlene Dietrich. Es ist ein absichtlicher Versuch, sie zu verdrehen (entstellen/zerstören). Es ist eine Beleidigung nicht nur der Unterzeichneten, sondern auch vieler großer Künstler, die weltberühmte Filme produzierten, um so das Bild, das ihnen vorschwebte, zu schaffen und für ewig auf Zelluloid festzuhalten.
Diese Parodie ist nicht unbedingt die Arbeit von Amateuren. Es hat eher den Anschein, dass dahinter die Absicht steckt, Marlene Dietrich als eine einfältige und törichte Person hinzustellen. Die Stimme in dem Dokumentar als „voice over“ (narration/Kommentar) benutzt, ist unnatürlich schrill,  fast kreischend. Diese Wirkung ist leicht zu erreichen, indem man die „Höhen“ soweit wie möglich nach oben schraubt und die „Tiefen“ ganz nach unten.
Das kann von einem Tonmeister leicht erreicht werden. Das Ergebnis ist ein ungenaues (unrichtiges), schädigendes Portrait von Marlene Dietrich.
Die Absicht, den Schleier von dem berühmten Gesicht der Schauspielerin zu entfernen (zerreißen), und sie so in einem vulgären (gewöhnlichen) Licht zu zeigen, wird auch klar erkennbar durch die Wahl der Filmausschnitte, die in diesem Bildmaterial (dieser Dokumentation) gezeigt werden. Diese Auswahl konzentriert sich auf alle Szenen (Rollen), die die Schauspielerin in verschiedenen Filmen spielte, die sie berühmt gemacht haben. Doch diese „ausgewählten“ Szenen zeigen sie schreiend, kreischend und sich vulgär benehmend. Nachdem diese Szenen aus der Handlung der betreffenden Filme herausgeschnitten wurden – also die verschiedenen Charakter, die die Schauspielerin darin zu spielen hatte, fehlen, ist der Allgemeineindruck endgültig dazu bestimmt, das Bild einer Frau darzustellen, nicht notwendigerweise einer Schauspielerin, als eine verkommenen anstatt einer würdigen Persönlichkeit.
Unfähig, den Ruf der Schauspielerin MARLENE DIETRICH zu zerstören, hat die Person, die dies fragliche „Documentary“ produzierte, sich als Ziel gesetzt, die Vorstellung, die sich das Publikum von der Frau Marlene Dietrich macht, zu vernichten.
Hinsichtlich all der oben genannten Gründe, weigert sich die Unterzeichnete, ihre Erlaubnis für die Veröffentlichung (Vorführung) des gesamten Dokumentarfilms, wie er ihr im Oktober 1983 gezeigt wurde, zu geben.