Friedrich Hussong: Hauptmanns „Faust“

Er erspart unserer ohnehin stellenweise ramponierten Ehrfurcht aber auch nichts, der „Repräsentativste Dichter“ Deutschlands.
Jetzt hat sich folgendes begeben:
Der Schriftsteller Hans Kyser, Mann von manchen Graden, dem Menschen Gerhart Hauptmann durch nahe Freundschaft verbunden, dem Dichter Gerhart Hauptmann als Jüngerer und Jünger tief ergeben, hat für irgendjemanden ein Faustfilm-Manuskript geschrieben. Der Film ist schon fertig. Da erfährt Kyser durch die Zeitung – nicht durch den Freund und Meister Gerhart, sondern durch die Zeitung, dass dieser es übernommen hat, die Zwischentitel zu seinem, Kysers, Filmmanuskript noch einmal zu schreiben. Auf die telegraphische Bitte des Freundes und Jüngers, ihm doch nicht auf so für alle Teile peinliche Weise in die Arbeit zu pfuschen, antwortet Meister Gerhart mit dem hoffentlich ungeheuchelten Ausdruck des Erstaunens darüber, dass dem Freund und Jünger die Mitarbeit eines alten Freundes unerwünscht sein könne. Diese, wohlgemerkt, einigermaßen meuchlerische Mitarbeit.
In einem offenen Brief an Gerhart Hauptmann schüttet darauf Hans Kyser uns und diesem sein Herz über die Sache aus; in einem offenen Brief, der klug und bei aller Deutlichkeit so taktvoll geschrieben ist, dass man zweifelt, ob das wenig kluge und wenig taktvolle Verhalten Hauptmanns ihn verdient habe. Zart und deutlich macht Kyser Herrn Hauptmann klar, dass seine literarische Bemühung um einen Faustfilm diesem „sofort jenen literarischen Charakter gibt, der eine literarische Würdigung desselben hervorrufen muss und den gänzlich untragbaren Vergleich zu Goethes Faust herausfordert“.
Offenbar scheut Herr Hauptmann aber den von ihm ja auch sonst vielfach herausgeforderten Vergleich durchaus nicht. Sollen doch, wie Herr Kyser schaudernd erfährt, die Knittelverse der Hauptmannschen Zwischentexte als Hauptmannsche Faustdichtung demnächst in Buchform erscheinen. Sehr schön sein Freundschaftsverhältnis und seine Jüngerschaft schonend, sagt Kyser dazu: „Mit der furchtbaren Unabhängigkeit, die der Verkehr mit der Wahrheit gibt, stehe ich gegen Dich an, Gerhart Hauptmann, und sage als höflicher Freund: Im weiten Pantheon der allzu sterblichen Filmgötter ist Raum für alle Geister … für deinen als Titelverfasser nicht! Dazu bist Du mir zu groß!“

Gerhart Hauptmann sich selber aber offenbar nicht.
Und hier fängt die Sache an, etwas mehr zu sein, als nur eine hässliche und unvornehme Angelegenheit Hauptmanns gegenüber Kyser.
Wer ist dem „Namen des repräsentativsten Dichters“ Respekt schuldig, wenn der repräsentativste Dichter selbst diese Schuld verleugnet? Es soll der Sänger, wenn schon nicht mehr mit dem König, doch auch nicht in den Kientopp gehen. Es soll der Meister, der für sich Ehrfurcht heischt, nicht dem Jünger die Achtung vor dessen Arbeit versagen. Es soll der Künstler, der fürstliche Rechte der Unantastbarkeit für sein Werk beansprucht, nicht fremdes Werk antasten. Am wenigsten soll und darf er’s mit einer Leistung, von der er weiß und wissen muss, dass er für sie höchst überflüssig ist.
All diese Sünde wider den Geist ist hier begangen. Begangen von dem „repräsentativsten Dichter“ Deutschlands. Da er das ist und das zu sein durchaus beansprucht, ist seine peinliche Verirrung – nicht seine erste! – ein wenig unser aller Blamage, gegen die zu verwahren recht ist und Pflicht sein mag.
Es ist nicht das Geschäft, es dürfte nicht das Geschäft des „repräsentativsten Dichters“ sein, gegen ein vielleicht verführerisches Filmhonorar die zweifellos geschmackvollen, würdigen und sachlichen Film-Zwischentitel eines anderen, eines Freundes, eines in seinem literarischen Können von ihm gewürdigten Freundes in Knittelverse zu bringen. Muss schon dergleichen gemacht werden, was ganz gewiss hier nicht der Fall war, so gibt es Spezialisten für Reklamedichtungen genug, die im Adressbuch leicht zu finden sind und die auf Anruf Hochzeitsgedichte, Reklamereime und auch Titelknittelverse in jeder Preislage raschestens liefern.
Oder will uns jemand den kindlichen Glauben zumuten, den Filmdirektor und seinen literarisch gebildeten Propagandachef hätte etwas anderes als ein glühendes Reklamebedürfnis von Kyser zu Hauptmann getrieben? Auch der Dichter des „Hannele“ durfte im Zeitalter des Radio und des Films nicht sechzig Jahre alt werden, ohne den Geruch eines dergleichen Bratens erkennen zu lernen. Gerhart Hauptmann hört in dem Augenblick, da er sich’s gefallen lässt, – und er lässt sich’s gern gefallen – als der „repräsentativste Dichter“ Deutschlands zu gelten, er hört in diesem Augenblick auf, ganz nur eine Privatperson zu sein. Er übernimmt mit dieser Würde die Bürde gewisser unerlässlicher Rücksichten. Diese hat er – wieder einmal – außer acht gelassen. Kyser ist er dafür zu groß. Uns allen ist er dafür immerhin zu gut. Sich selbst hätte er’s vor allem sein müssen. Wir alle fühlen’s – er fühlt’s nicht. Das ist peinlich.
Wie leicht kann Peinlichem Peinlicheres folgen. Wie leicht könnte eine Schuhputzmittelfirma das Reimtalent Gerhart Hauptmanns entdecken. Hoffentlich haben den Meister des beleidigten, in seinem Eigensten unfein und unrein angestasteten Jüngers Worte würdiger Abwehr tief ergriffen. Wär’ es nicht, man müsste an seinem Menschtum verzweifeln. An dem Menschtum des Mannes, dem wir so Schönes verdanken und immer gern rein gedankt hätten. Woran er so fatal uns manchmal hindert.

Der Montag, Nr. 34,  8. September 1926,