Sonderbericht der IFA-Filiale vom 1. Juni 1949

Die schwierige Situation in Berlin zwingt uns, diesen Sonderbericht für Sie abzufassen.

Nachdem wir am 12. Mai vor der erfreulichen Tatsache standen, dass viele große Schwierigkeiten behoben zu sein schienen, trat schon in der zweiten Woche eine Verschlechterung der politischen Verhältnisse ein, die dann zum Eisenbahnerstreik geführt hat. Die S-Bahn von Berlin, das wichtigste Verkehrsmittel innerhalb unserer Stadt, steht still. Stellen Sie sich vor, dass z.B. von Frohnau niemand mit der S-Bahn in das Stadtinnere gelangen kann, oder vom südlichen Zipfel (Südende) nach Lichtenberg, oder von Wannsee nach Neukölln. Dieser Streik, der zwar allgemein als unbedingt notwendig erachtet schien, schädigt unsere Geschäftsinteressen in einem unvorstellbaren Maße.
Von entscheidendem Einfluss ist ebenfalls die durch die Blockadeaufhebung erfolgte Nahrungsmittelzufuhr. In den Geschäften werden mit einem Mal Anzüge, Kleider, Oberhemden, Weine, Seife, Schuhe, sämtliche Arten von Obst- und Gemüsekonserven, Konfitüren und Honig, Wurst, Fische von einer Bevölkerung gekauft, die zum ersten Mal nach dem Kriege – vielleicht sogar besser gesagt nach insgesamt 6 Jahren – wieder in der Lage ist, für Geld das zu kaufen, was sie benötigt. Dieselben Erfahrungen werden sie überdies in den Westzonen bei Einführung der Währungsreform 1948 gemacht haben. Da aber in Berlin durch die Blockade niemals für die allgemeine Bevölkerung Waren zu normalen Preisen erhältlich gewesen sind, wirkt sich diese an sich erfreuliche Tatsache sehr auf das Geschäft aus. Auch die verhältnismäßig warmen Tage beeinflussen den normalen wöchentlichen Kinobesuch. Wir sind selbstverständlich durchaus der Ansicht, dass nach Stillung des ersten Hungers wieder eine normale Funktion eintreten wird. Fest steht jedenfalls, dass in Zukunft, schon im Hinblick auf die außerordentliche Konkurrenz, nur der beste und publikumswirksamste Film die Möglichkeit hat, Ziffern zu erreichen, wie wir sie von unseren Erfolgsfilmen gewohnt sind. Problematische und von allzu tiefem Ernst erfüllte Filme werden immer nur ein besonders interessiertes Publikum finden. Es wird selbstverständlich in den großen Städten Deutschlands immer möglich sein, verhältnismäßig gute Resultate auch mit ernsteren Filmen zuu erzielen. Filme aber wie Feuer im Bazar, Ich fand einen Engel, Paradies der Damen Sylvia und das Gespenst Sprung in die Wolken, Wenn der Himmel versagt haben in Zukunft beim Zusammentreffen der amerikanischen Filme und der Alexander Korda-Produktion mit unseren Filmen keine Chance.
Unterzeichneter hat nach genauer Prüfung der gesamten Unterlagen aller Berliner Verleih-Unternehmen eine Aufstellung fertigstellen können, die trotzdem klarstellt, dass die Ifa ihre zweite Position sogar ohne allzu große Schwierigkeiten in Berlin halten kann.
In der Zeit von Januar bis einschließlich Berichtsmonat Mai, der in den nächsten Tagen an Sie abgehen wird, sieht die prozentuale Beteiligung der Verleih-Unternehmen an Spielterminen in den Filmtheatern wie folgt aus:

MPEA                                 29%
Ifa                                       23%
Herzog-Verleih                 10%
Schorcht-Verleih                9 %
Eagle-Lion                           9%
Allgemeiner Verleih          4%
Central-Verleih                  2%

Der Rest teilt sich auf die Verleih-Unternehmen Knevels, Fortuna, Jugendfilmverleih, Dietz-Film, Lloyd-Film und Panorama (Neugründung)

Wir sind auch ferner in der Lage, Ihnen genaue Angaben darüber zu machen, mit wieviel Kopien unsere Konkurrenz-Unternehmen zur Zeit einige der neuesten bzw. gefragtesten Filme einsetzen. Auf diese Tatsache bitten wir Sie, größte Aufmerksamkeit zu lenken, weil es Ihnen bekannt ist, dass wir oft von Filmen nur die Originalfassung oder nur eine deutschsprachige Kopie zur Verfügung haben. Lediglich die Filme Unter falschem Verdacht und Narcisse bildeten nach Inkrafttreten des freien Verleihs hierin eine Ausnahme. Bei den Filmen der zweiten Garnitur kommen wir im Durchschnitt mit der Originalfassung und einer deutschsprachigen Kopie aus, jedoch von Erfolgsfilmen, die durch große Pressestimmen sehr populär geworden sind, müssen wir in Zukunft unbedingt zwei und drei Kopien zur Verfügung haben. Das Fehlen einer deutschsprachigen Kopie bei Das Halsband der Königin und Das Boot der Verdammten ist hier besonders fühlbar. Die zur Zeit gefragtesten Filme werden mit folgender Kopienanzahl eingesetzt

3 x 3 mal Komödie
3 x Tragödie einer Leidenschaft
5 x Affaire Blum
3 x Die letzte Nacht
3 x Kupferne Hochzeit
3 x Morgen ist alles besser
3 x Draufgänger
5 x Ninotschka
4 x Fregola
4 x Der himmlische Walzer
3 x Bravo, George.

Durchschnittlich belegen wir in den Filmtheatern wöchentlich 60 Termine. Der höchste Einsatz, den wir bisher erzielen konnten, war 85 Termine bei 149 Filmtheatern.
Wir hoffen, dass sich die Verkehrsstörung und Versandschwierigkeit von Seiten der Zentrallager beheben lassen. Das pünktliche Eingehen von Kopien und Propagandamaterial ist sehr wesentlich, und wir müssen uns unbedingt auf die zugesagten Kopien verlassen können, da wir bereits Termine für September aufnehmen, auch aufnehmen müssen, weil die Amerikaner in der vorigen Woche sechs außerordentlich starke Publikumsfilme in Interessenten-Vorstellungen gezeigt haben, die sie bis zu diesem Zeitpunkt ebenfalls zum Einsatz gelangen lassen.

Es erübrigt sich, zu betonen, dass durch den verminderten Umsatz viele Dinge eingespart werden.

Buttkus