Billy Wilder 1947 in Berlin

Im August 1947 war Billy Wilder In Berlin, um für seinen Film A Foreign Affair einige atmosphärische Außenaufnahmen zu drehen. Für die Berliner Presse arrangierte Paramount eine Voraufführung von Wilders Film The lost weekend. Danach kam es zu folgendem Interview.

Erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen etwas erzähle! Fragen Sie mich, durchlöchern Sie mich mit Fragen!
Also frage ich. Haben Sie schon einen deutschen Nachkriegsfilm sehen können?
Ja, ich kenne Staudtes Die Mörder sind unter uns von Hollywood her. Ich muss sagen, wir waren drüben etwas enttäuscht. Wir hatten etwas Besonderes erwartet.
Was fanden Sie denn daran verunglückt? Das Drehbuch? Die Aufnahmen? Die Überblendungen?
Er war nicht klar.
Sie meinen, nicht konsequent genug?
Nicht nur das. Auch die Überblendungen waren unlogisch. Man soll z.B. nicht von einem Briefleser auf einen zweiten überblenden, wenn der einen ganz anderen Brief liest. Immerhin erstaunlich, dass man in Deutschland so rasch – und hier kann ich auch sagen, so gut – einen antinazistischen Film drehen konnte. Aber ich habe dabei das heutige Berlin nicht gespürt.
Man kann also annehmen, dass Ihr Berlin-Film realistischer sein wird, vielleicht der Art der „Offenen Stadt“ [gemeint ist Roma citta aperta von Robert Rossellini] näherkommt?
Es gibt für mich keinen realistischen oder nicht-realistischen Film. Es gibt nur gute Filme und schlechte. Die guten sind es dann, die das Geld bringen. Richtig allerdings ist, dass ich großen Wert auf den background lege, nicht nur bei diesem Film, sondern überhaupt. Ich glaube, er schafft oft erst die dichte Atmosphäre.
Glauben Sie, dass Hollywood, das doch wohl augenblicklich in einer Krise steckt, den realistischen Film aufgreifen wird?
Was heißt Krise? Gewiß, man kann wohl von einer Krise, einer Stoffkrise sprechen, aber sie bringt den Firmen Millionen. Möglich, dass die realistische Art abfärbt. Bisher hat Hollywood alles aufgegriffen, was gut war. Außerdem gewöhnt sich das amerikanische Publikum mehr und mehr daran, ausländische Filme in Originalfassung zu sehen. Das ist gut, denn es verlagert die Bewertung des Films vom Dialog dorthin, wo sie hingehört: ins Optische.
Kennen Sie schon Käutners neuen Film?
Ich habe viel von ihm gehört, aber ich will ihn mir erst in den nächsten Tagen ansehen. Ich würde mich gern einmal mit Käutner bei einem Cognac unterhalten.

Der Abend, 16. August 1947