Hans Landsberger: Verfilmte Musik oder musikalischer Film

Titelblatt der Originalmusik zu Der Golem, wie er in die Welt kam

Über die Beziehungen von Film und Musik ist so vieles in Fach- und Tagespresse in letzter Zeit geschrieben worden, dass es mir nunmehr an der Zeit zu sein scheint, diese Frage öffentlich einmal vom wissenschaftlichen und künstlerischen Standpunkt zu beleuchten. Berechtigterweise hat man – ich möchte sagen instinktiv – schon seit den Anfängen der Kinematographie dazu gegriffen, zu den Filmvorführungen eine Musik spielen zu lassen. Wenn nämlich die optische Wahrnehmungsfähigkeit des Beschauers vom rein Bildhaften des Photographischen dazu übergegangen ist, sich auf die Bewegung einzustellen, ist es nur natürlich, dass sich im menschlichen Gehirn die Assimilation mit dem akustischen Bewegungsmoment, das durch die Musik dargestellt wird, auf das leichteste und angenehmste vollzieht. Diese Zusammenwirkung wird um so enger sein, wenn besonders erregende Momente wie das Dramatische oder Komische auftreten, die dann ihrerseits wieder durch die musikalische Parallele (Musik ist ja der beste Schilderer aller dieser Vorgänge) unterstrichen und gehoben werden. Wenn also feststeht, dass das Wesentliche am Film übereinstimmend mit dem Wesen der Musik die Bewegung ist, so handelt es sich in praxi eigentlich nur noch um die Frage, welcher Art denn die Begleitmusik eines Films zu sein hat, um den bewussten oder unbewussten Forderungen des Zuschauers zu entsprechen. Die Lösung ergibt sich eigentlich von selbst. Ein Musikstück gibt unter einem bestimmten Gesichtspunkt (nämlich seinem Titel) dem menschlichen Auffassungsvermögen freien Raum, sich zu der musikalischen Bewegung seine Gedanken (resp. Worte) selbst zu bilden; auch der Film schaltet – leider noch viel zu wenig! (siehe die vielen Filmtitel zwischen den einzelnen Bildern!) – das gesprochene Wort aus und ersetzt es gleichfalls durch Bewegung. Wer also – wie die Versuche von Film-Oper und –Operette – versucht, das aus der Bewegung glücklich ausgeschaltete oder durch sie abgelöste Wort wieder einzuführen, verstößt gegen einen wesentlichen Grundsatz der Ästhetik, ganz abgesehen davon, dass er die menschliche Einbildungskraft einer bedeutenden Belastungsprobe unterzieht. Die Gefahr liegt nämlich immer nahe, dass das kritische Urteil auch des wenigst komplizierten Gehirns den Sprung vom mundöffnenden Bild auf der Leinewand auf den irgend woher strömenden Ton einer menschlichen Kehle einfach nicht mitmachen wird, ohne zum mindesten ein Gefühl des „Nicht-ernst-nehmens“ zu unterdrücken. Nein – die Brücke zwischen Musik und Film führt sicher nicht über das Wesensfremde des gesprochenen resp. gesungenen Wortes, sondern liegt viel näher: ich sah einmal in einem Film das langsame Heben und Zupacken einer Faust durch ein Pianissimo-Tremolieren der Bässe und einen plötzlichen Beckenschlag illustriert. Die Wirkung dieser immerhin primitiven Auflösung einer Spannung auf die Zuschauer war ungeheuer – höchstens vergleichbar jenem Peitschenschlag ähnlichen Beckenschlag am Anfange von Liszt’s Mazeppa. Hier liegt die Lösung der Zusammenarbeit von Film und Musik; also kurz ausgedrückt: im Sinne eines musikalischen Mimodramas. Durch die – auf thematischer Basis aufgebaute Untermalung und Fortführung der sich auf der Leinwand abrollenden Vorgänge ist die parallele und ergänzende Wirkung zu erzielen, die ein auch vom künstlerischen Standpunkt einwandfreies Ganzes erst wird erstehen lassen. Gewiss werden praktische Fragen es nur den großen Firmen möglich machen, für ihre wertvollen historischen und literarischen Films jeweils eine eigene Musik schaffen zu lassen, doch ließe sich wohl auch für die anderen kleineren eine geeignete Musik zusammenstellen, wenn es gewisse Musikzentren gäbe, deren Überwachung diese Zusammenstellung der Begleitmusik von den produzierenden Firmen anvertraut würde. Das Publikum, das etwas für sein optisches Vergnügen tun möchte, würde dann nicht so häufig argen musikalischen Misshandlungen ausgesetzt sein, da ja nicht jeder Musikleiter einer Kinokapelle fähig oder auch nur praktisch in der Lage ist, aus seinem Notenmaterial eine geeignete Begleitmusik zusammenzustellen. Vor allem aber muss das musikliebende und empfindende Publikum sich endlich einmal dagegen verwahren, dass ihm bei allen Gelegenheiten Bruchstücke klassischer Musik kredenzt werden, die ganz abgesehen von Trivialitäten und Anachronismen meistens nicht die zur Aufnahme des Bildes geeignete Stimmungen hervorbringen. Für die bedeutenden Films aber, die Anspruch auf ein hohes künstlerisches Niveau machen, wird es unbedingt erforderlich sein, neue und geeignete Musiken schreiben zu lassen, die sich auf sinfonischem Boden bewegen und so das Milieu des Films heben anstelle es zu erniedrigen, indem sie das Publikum der Gnade des betreffenden Kinokapellmeisters ausliefern. Verfasser dieser Zeilen ist dabei, auch mit der Tat für seine Ansichten einzutreten und hat sich infolgedessen an die Komposition der großen Ufa-Films der kommenden Saison für großes Orchester gemacht. – Mögen die Musiker nicht dem Film gegenüber im falschen Schmollwinkel stehen bleiben; mit etwas gutem Willen von Produzenten, Regisseuren und Komponisten wird sich ein einheitliches Kunstwerk aus Film und Musik schmieden lassen, wenn man nur auf den Ansätzen von Hummel (Veritas Vincit) , Weiß u.a. weiter baut.
Dem musikliebenden Publikum aber wird erspart werden, stets mit einem lachenden Auge und einem weinenden Ohre ins Kino zu gehen; und schließlich ist ja auch ein Kunstwerk – wie’s der heutige Kunst-Film unleugbar ist, – nun einmal nicht allein dazu da, dass Produzent und Star Geld verdienen, sondern der Film hat auch noch andere, höhere Missionen!

8-Uhr-Abendblatt, 14. September 1920