Ernö Rapée: Kino New York – Berlin (1926)

Im August 1926 verliess der Dirigent Ernö Rapeée nach einem einjährigen Engagement im Ufa Palast am Zoo Berlin.  Fritz Feld verriet er in der BZ am Mittag vom 27. Juli 1926 seinen Wunsch für die Zukunft: „Ein Kino von 10 000 Menschen. Ein Orchester von 250 Musikern. Ein Chor von 150 Stimmen und 400 Scheinwerfer. Das Programm umfasst Film, Oper, Symphonie, Operette, Varieté, Ballett, Kabarett. Es soll nicht länger als zwei Stunden dauern. Von morgens 10 Uhr bis nachts um 12 wird durchgespielt. Eine doppelte Arbeitsschicht, zwei Orchester, zwei Chöre usw. selbstverständlich. Das sind meine Träume.  Zunächst wird so etwas nur in Amerika möglich sein; aber was in Amerika heute ist, wird in Deutschland in drei Jahren sein.“ 

Ernö Rapée ca. 1930

Als ich am 15. August vorigen Jahres in Newyork den Dampfer „Columbus“ bestieg, trat ich meine Reise nach Berlin mit geteilten Gefühlen an. Mir war fast zumute wie einem Forschungsreisenden auf der Fahrt in unentdecktes Gebiet. Denn ich kannte die Zurückhaltung und Verschlossenheit des deutschen Volkes und war mir darüber klar, dass man das deutsche Publikum mit einer neuen Sache nicht im Sturm erobern kann, sondern dass es langsamer, systematischer Arbeit bedarf, um es zu überzeugen. Denn während in Amerika prunkvolle Kinopaläste mit 5000 Personen Fassungsraum bereits in jeder größeren Stadt anzutreffen sind, bildete zu der Zeit noch der Ufa-Palast am Zoo mit einem Fassungsraum für 3000 für Berlin und das übrige Deutschland eine Art Sensation. In New York gibt es fünf bis sechs, in Chicago noch mehr Lichtspieltheater mit einem Fassungsraum von 3000 bis 6000 Personen, und Detroit, eine Stadt mit einer Einwohnerzahl von 1 1/2 Million, verfügt über drei derartige große Kinopaläste.
Ich sah also eine starke äußerliche Ueberlegenheit des amerikanischen Kinos und wusste nicht, wie Berlin die im Lichtspielwesen geplanten Neuerungen aufnehmen würde. Ich sah jedoch bald, dass der Vorteil, den New York durch die Größe und technische Überlegenheit seiner Kinorichtungen Berlin gegenüber hat, hier durch Eigenschaften des Publikums wettgemacht wird.
Das Newyorker Publikum besucht zum größten Teil das Kino, um sich zu unterhalten und zu zerstreuen. Diesem Umstand tragen die amerikanischen Filmfabriken Rechnung, indem sie zum größten Teil Filme fabrizieren, die – mit wenigen Ausnahmen – aufregend, spannend, prunkvoll ausgestattet und technisch unerhört gemacht, inhaltlich aber sehr oft weniger gehaltvoll sind, als eine große Anzahl deutscher Filme.
Anders der Berliner. Er geht nicht nur ins Kino, um sich zu amüsieren, sondern er sucht im Kino – wie auch im Theater – Nahrung für seinen Bildungsdrang, Erweiterung seines Wissenskreises und künstlerische Anregung. So erklärt sich auch der große Erfolg eines stark psychologischen und durch grandiose Darstellungskunst der Hauptdarsteller unterstützten Filmes wie Varieté und der rein künstlerischen – ich möchte sagen – Filmdichtungen Fritz Langs wie Der müde Tod oder Die Nibelungen und eines Märchenspiels wie Dr. Bergers Der verlorene Schuh.
Hierzu muß ich allerdings bemerken, dass in Deutschland der Sinn für Humor lange nicht so entwickelt ist wie in Amerika. Das Fehlen wirklich guter humoristischer Filme hat psychochologische Gründe, deren Ursprung vielleicht auch darin zu suchen ist, daß Deutschland seine humoristische Ader in den zehn Jahren des Weitkrieges nicht entwickeln konnte, obwohl die innere Entwicklung des deutschen Publikums jetzt auch nach dieser Richtung hinzeigt. Beweis dafür ist die begeisterte Aufnahme der wirklich guten amerikanischen Humor- Filme, dargestellt von Harold Lloyd, Buster Keaton usw.
Was die Musik zum Film anbetrifft, so war es mir eine Quelle reiner Freude, das intensive Interesse und Mitgehen nicht nur nicht nur der Presse, sondern auch des großen Publikums beobachten zu können. Ebenso interessante Vergleiche wie zwischen der Aufnahme von Filmen bei dem Newyorker und Berliner Publikum lassen sich auch bezüglich der Ouvertüren ziehen. Auch da ist die Aufnahme-Intensität und der allgemeine Publikumsgeschmack verschieden. Ouvertüren aus „Freischütz“ und ,,Oberon“, die in einem Berliner Kino im allgemeinen großen Erfolg nach sich ziehen, erregen in Newyork wenig Begeisterung, während ich hier vor einiger Zeit die traurige Erfahrung machen musste, dass Richard Strauß‘ „Till Eulenspiegel“ oder Rimsky-Korsakows „Capriccio Espagnol“ das Berliner Publikum ziemlich kalt ließ, zwei Nummern, die in New York – von einem guten und großen Orchester gespielt – einen sensationellen Erfolg aufwiesen.
Aktuell und wichtig für Berlin ist auch die Frage der Bühnenschau. Die Frage an sich ist in New York ein Ding der Vergangenheit, während sie in Berlin noch heute der Mittelpunkt heftigen Pro und Contras ist. Meine bescheidene Ansicht ist, daß die Notwendigkeit einer Bühnenschau zum großen Teil von den ökonomischen und rein geschäftlichen Bedingungen der Stadtgegend abhängt, in der sich das Kinotheater befindet. Habe ich im näheren Umkreis meines Kinos ein anderes Filmtheater mit einem genau so guten Film und einem ebenso guten Orchester, so ergibt sich schon daraus die Notwendigkeit, meinem Programm eine Attraktion anzugliedern, die mein Konkurrent nicht hat. Dazu bietet die Bühnenschau mit ihren großen Möglichkeiten die beste Gelegenheit. Wenn ich es noch einrichten kann, meine Eintrittspreise so zu halten, daß sie die meines Konkurrenten nicht überschreiten, so hat die Bühnenschau ihre Berechtigung.
Bezüglich der Bühnenschau im UfaTheater am Zoo – im Vergleich zu Newyork – möchte ich nur kurz erzählen, daß der Generaldirektor einer der größten amerikanischen Filmgesellschaften, der sich im Ufa-Palast den Prolog und die Vorstellung von Pola Negris Film Das verbotene Paradies ansah, fragte, ob er in Newyork oder Berlin säße – „augenblicklich?“…
New York hat acht Millionen Einwohner, Berlin vier! New York hat 1800 Theater, Berlin 300! Das Fassungsvermögen der Theater drüben hat 5000, hier 3000 Personen erreicht!!! … Ich sehe vor meinem geistigen Auge Filmpaläste entstehen — in Deutschland innerhalb der nächsten zwei Jahre – die 7000 Menschen beherbergen können, die alle den Genuß haben, sich Spitzenproduktionen des Welt-Filmmarktes anzusehen, dazu Musik zu hören, die von einem 150 Mann starken Orchester gespielt und von einem 80 Menschen umfassenden Chor begleitet wird, und vorher Ballett und Bühnen-Attraktionen bewundern zu können, die einen Stab von 50 bis 60 Personen umfassen dürfen. Wenn man dann bedenkt, daß ein Abend, angefüllt von Spitzenleistungen aller Art, den Besucher nicht mehr als zwei Mark zu kosten braucht und außerdem bedenkt, daß diese Idee keine Utopie, sondern etwas ist, das in ähnlicher Form schon existiert, so wird man verstehen, daß auch in Deutschland ein Kinopalast dieses Formats nicht mehr lange auf sich warten läßt.

Deutsche Filmwoche, Nr. 19, 7. Mai 1926