Horst Zumkley: War Marlene Dietrich vor 75 Jahren Gast beim Nürnberger Prozess?

Anmerkungen und Bibliografie der zitierten Literatur am Ende dieses Beitrags.

 

Marlene 1945 in Kirchheimbolanden

I Der erste Prozess vor dem Internationalen Militärgerichtshof gegen die Hauptkriegsverbrecher des Nazi-Regimes wurde vor 75 Jahren, vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946, in Nürnberg durchgeführt. Das Verfahren, das Rechtsgeschichte schrieb, war von Anfang an öffentlich und mit etwa 250 akkreditierten Zeitungs- und Rundfunk-Berichterstattern aus aller Welt ein großes Medienereignis [1].
Die Autorin Eva Gesine Baur schreibt in ihrer Marlene-Dietrich-Biografie, dass Marlene als Zuschauerin am 27. November 1945 am Nürnberger Prozess  teilgenommen hat; auf die Idee zu diesem Besuch habe sie Billy Wilder gebracht (Baur, 2017, S. 311). Marlene habe auf dem Gästerang in amerikanischer Uniform gesessen und abends in einer pompösen Bar, umlagert von einem Schwarm von Bewunderern, lächelnd Autogramme verteilt (S. 312).
Auch Heinrich Thies schreibt ein halbes Jahr später in seiner Doppel-Biografie über Marlene und ihre Schwester Liesel, Marlene habe 1945 „einige Stunden lang miterlebt, wie es bei den Nürnberger Prozessen tatsächlich zugegangen war. Die Amerikaner hatten ihr heimlich einen Platz auf der Besuchertribüne verschafft“ (Thies, 2017, S. 303). Als Quelle dafür gibt er das Baur-Buch an (Thies, 2017, S. 405).
Wenn das stimmte, wäre es in der Biografie von Marlene Dietrich eine echte und nicht unwichtige Neuigkeit, die bisher völlig unbekannt geblieben ist.
Mir waren – bis auf die Baur-Biografie – keine Hinweise, Berichte oder Zeugnisse bekannt, die diesen Prozess-Besuch erwähnen, bestätigen oder belegen – weder in der Autobiografie von Marlene noch in ihren vielen Interviews, weder in der Biografie ihrer Tochter Maria Riva noch im Buch und der Film-Dokumentation ihres Enkels J.D. Riva findet sich dazu etwas. Und auch in den vielen Marlene-Biografien (z.B. von Bach, Higham, Spoto, Sudendorf, Walker) wird das nicht erwähnt; ebenso wenig im Ausstellungskatalog der „Gedenkhalle Oberhausen“ (2016), der Marlene Dietrichs Aktivitäten gegen das Nazi-Regime dokumentiert.
Bei dem Baur-Buch handelt es sich um eine „fiktionalisierte“ Biografie, in der quellenbezogene Fakten frei ergänzt und zu einem neuen, romanhaftem Ganzen zusammengefügt werden [2]. Ist der Prozess-Besuch von Marlene im November 1945 also eine Tatsache oder eine romanhafte Erfindung? Auf welche Quellen stützt sich Eva Gesine Baur bei ihrem Bericht?

In Regensburg im Juni 1945

II. Baur nennt als einzige Quelle Boris N. Polewoi, der damals als Prawda-Korrespondent beim 1. Nürnberger Prozess akkreditiert war [1]. Sein „Nürnberger Tagebuch“ ist 1971 als Übersetzung aus dem Russischen in der damaligen DDR erschienen. Das Buch ist aber kein Tagebuch im üblichen Sinne, sondern er hat „jetzt, über 20 Jahre nach dem Prozess … die damaligen Aufzeichnungen literarisch bearbeitet, bemüht, den Geist jener Tage und meine damalige Sicht der Dinge zu bewahren“ (S. 6). Der ganze Text ist wie ein Roman geschrieben (und wird als Buch auch so beworben), ohne irgendwelche genauen oder verankernden Daten der damaligen Zeit.
Was Polewoi zum Besuch von Marlene Dietrich beim Nürnberger Prozess schreibt, ist in kurzen Abschnitten auf mehrere Seiten verteilt. Nachdem der Autor am sechsten Prozesstag – das war  der 27. November 1945 (3) – in Nürnberg angekommen war, führte ihn ein Oberst auf den Gästerang.
„Er ließ mich Platz nehmen neben einer sehr hübschen, nicht mehr ganz jungen Frau, die amerikanische Uniform trug und mir irgendwie bekannt vorkam“ (S. 15).
„Meine schöne Nachbarin fragte mich etwas auf Englisch […] und ich antwortete mit dem einzigen Satz, den ich auf Englisch wusste: „I don’t speak English“ (S. 17).
In der Mittagspause begab sich Polewoi mit Freunden in eine Bar, wo er seine englischsprachige Sitznachbarin entdeckte, „die von einem Schwarm von Leuten umlagert war. Lächelnd verteilte sie Autogramme, in Notizbücher, auf Visiten- und selbst auf Spielkarten. „Wer ist sie?“ fragte ich den Bildberichterstatter der „Prawda“, Viktor Tjomin. „Ignorant“, warf der verächtlich hin „und dazu noch in Galauniform! Das ist Marlene Dietrich höchstselbst!“ (S. 20)
Nach der Pause setzt sich Polewoj wieder an seinen alten Platz. Seine Nachbarin steckt sich einen Bonbon in den Mund und bietet Polewoj auch einen Bonbon an. „Ich sprach höflich meinen zweiten englischen Satz, den ich bereits in Nürnberg gelernt hatte: „Thank you.“ Er mag allerdings recht komisch geklungen haben, ungefähr wie „danke Kuh“, dennoch war ich heilfroh, dass ich mich vor der berühmten Schauspielerin nicht schlimmer blamierte“ (S. 20).

Was soll man davon halten? Polewoi begegnet auf der Besuchertribüne des Gerichtssaals einer (Bonbon lutschenden) Frau in Uniform, die er nicht (er-)kennt, die in der Mittags-Pause [bei Baur ist es „abends“] in einer Bar Autogramme gibt und deren Name ihm dann von einem Kollegen genannt wird: „Marlene Dietrich“.
Ist das wirklich ernst gemeint oder hat sein Kollege Tjomin ihn vielleicht auf den Arm genommen? Oder vielleicht ist dies auch nur eine Frucht seiner 20 Jahre späteren „literarischen Bearbeitung“, kurz nachdem der Film „Das Urteil von Nürnberg“ erschienen war?

 

In Regenburg Mai/Juni 1945I.   

III  Marlene war durch ihre Filme und ihr Engagement im Krieg sehr bekannt, und es ist kaum anzunehmen, dass ihr Erscheinen beim Prozess den hunderten Journalisten und den vielen prominenten Schriftstellern [1], die von dort berichteten, verborgen geblieben wäre. Aber in  keinem dieser Zeugnisse ist von einem Besuch des Stars die Rede. Einer dieser damals akkreditierten Journalisten war Markus Wolf [4], der spätere Chef des Auslandsgeheimdienstes der DDR. Er durfte als einziger deutscher Korrespondent für den Berliner Rundfunk der sowjetischen Besatzungszone ab dem ersten Verhandlungstag berichten (Krösche, 2009, S. 59). Wolf (2006) hat zu dem Buch von David J. Riva über Marlenes Aktivitäten im 2. Weltkrieg einen Beitrag beigesteuert. Darin würdigt er u.a. ausführlich den „antifaschistischen Widerstand“ (p.100) von Marlene Dietrich im Krieg. Und er geht auch lobend auf ihre Rolle im Film „Urteil von Nürnberg“ ein. Er erinnert daran, dass er selbst praktisch den ganzen Nürnberger Prozess miterlebt hat und dass der Film von Stanley Kramer die Atmosphäre des damaligen Prozesses sehr authentisch erfasst habe. Wenn dem Journalisten Wolf ein Besuch von MD beim Prozess damals bekannt geworden wäre, hätte er das sicher erwähnt.

 

März 1945 in Soissons, Frankreich

IV  Bei zwei Institutionen, die über Originaldokumente aus der damaligen Zeit verfügen, wurde angefragt, ob Belege für einen Besuch von Marlene beim Nürnberger Prozess vorhanden sind:
A) Beim Museum „Memorium Nürnberger Prozesse“ in Nürnberg [5] und
(B) bei der „Marlene Dietrich Collection Berlin“ (MDCB) [6].

A) Anfrage beim „Memorium“: Der Nürnberger Prozess war zwar öffentlich, der Zugang der Teilnehmer war aber streng reglementiert und wurde genau erfasst (vgl. Krösche, 2009). Auch Polewoi schreibt von „amerikanische(n) Militärpolizisten, die die Einlasskarten prüften“ (1971, S. 19). Kaum anzunehmen, dass Marlene Dietrich einfach so in den Gerichtssaal spazieren konnte. Es fragt sich also, ob der Name „Marlene Dietrich“ auf einer Akkreditierungs- oder Besucher–Liste auftaucht.
Die Recherche-Anfrage beim Museum „Memorium“, ob ein Besuch Marlene Dietrichs an dem Tag bekannt und aktenkundig ist, erbrachte folgende Antwort:
„Jedenfalls ist sie nicht auf der Akkreditierungsliste, die von den Amerikanern zusammengestellt wurde und sie wäre ja wohl über die US-Delegation hingekommen. Zudem wäre sie zu dem frühen Zeitpunkt wohl noch auf der Liste geführt worden. Es ist höchstens möglich, dass sie als Zuschauerin an dem Tag da gewesen sein könnte. Vielleicht im Rahmen eines Besuchs zur Truppenbetreuung. Dazu kann ich aber leider nichts sagen“ (Fischer, 2020).
Das heißt also, einen aktenkundigen Beleg für einen Besuch Marlenes an diesem Tag gibt es bei den originalen Prozessunterlagen nicht.
Einen eventuellen Besuch Marlenes am 27.11.1945 in Nürnberg im Rahmen der Truppenbetreuung der USO Camp Shows (United Service Organizations)  kann man ausschließen, wie der USO-Homepage zu entnehmen ist:
„Marlene Dietrich was also a familiar face on the Foxhole Circuit in Europe, making two USO tours there during the war. According to the Library of Congress, “The first was to North Africa and Italy, where she became the first entertainer to reach rescued soldiers at Anzio. During her second tour [after D-Day], lasting 11 months, she entertained near the front in France and Germany” [7]. Da der D-Day (der Beginn der Landung der alliierten Truppen in der Normandie) der 6. Juni 1944 war, heißt das, dass im November 1945 ihre zweite USO Tour bereits Monate zuvor beendet war. Sudendorf (2001, S. 137) datiert ihre zweite USO Tour von September 1944 bis Juli 1945.

B) Anfrage bei der “MDCB”: Im Jahre 1993 übernahm das Land Berlin den Nachlass von Marlene Dietrich. Der umfangreiche Bestand dieses Personenarchivs der Deutschen Kinemathek dokumentiert nahezu lückenlos die Biografie der Schauspielerin und Sängerin. Die Anfrage dort bezüglich des Prozess-Besuchs von Marlene in Nürnberg erbrachte folgende Antwort:
„Es gibt nach Materiallage im Nachlass und nach meiner Kenntnis nichts, was die Behauptung des Besuchs bei den Nürnberger Prozessen stützt oder belegt.
Im Nov. 1945 war Marlene Dietrich zunächst in Paris. Am 4. November erfuhr sie, dass am Tag zuvor ihre Mutter gestorben war. Nach Berlin konnte sie erst am 9.11. gelangen; neben den Formalitäten wurde wegen sehr starken Nebels mehrere Tage im Prinzip nicht oder kaum geflogen.

In Wolfenbüttel

Nach der „Nacht-und-Nebel“-Bestattung der Mutter soll Marlene angeblich wieder nach Paris abgereist sein. Das ist nicht belegt; es scheint plausibel, zumal Jean Gabin auch in Paris war.
Wäre sie im November ’45 noch einmal nach Nürnberg gereist (sie war im April/Mai 1945 mit den US-Truppen für einige Tage dort), hätte es sicherlich irgendwo ein entsprechendes Indiz gegeben. Doch weder in den Briefen an Rudi Sieber, noch in dessen Tagebuch finden sich entsprechende Hinweise. Sie selbst hat sich auch nie darauf bezogen; nicht einmal als sie sehr viel später mit Maximilian Schell noch einmal über den Film „Das Urteil von Nürnberg“ sprach. Sie hätte es gewiss erwähnt, wenn nicht sogar herausgestellt, wenn sie selbst dort gewesen wäre.
Aus welchem Anlass? Privat, auf eigenen Wunsch? Zu dieser Zeit war es nicht ohne Weiteres möglich von A nach B zu kommen. Es gibt keinen Passierschein oder irgendein anderes Dokument, das darauf verweist. Es findet sich bislang auch kein Indiz dafür, dass sie vielleicht in Begleitung von anderen dorthin gefahren wäre. Meines Wissens hat auch keiner der prominenten Berichterstatter (Kästner, Hemingway, Erika Mann, John Dos Passos o.a.) mal am Rande erwähnt, dass Marlene dort gewesen sei. Sicher, es lag auch nicht im Fokus der Berichterstatter darzustellen, wer dort noch „gesehen“ wurde.
Die einzige Quelle scheint dieses „Nürnberger Tagebuch“ zu sein, von einem Frontberichterstatter der Prawda – der die Frau selbst nicht erkannte und ausgerechnet von einem Prawda-Kollegen erfährt, es sei Marlene Dietrich.
Es spricht also kaum etwas dafür, aber sehr viel dagegen. Anhand der Faktenlage ist es aber auch nicht völlig auszuschließen“ (Ronneburg, 2018).

Fazit: Als Ergebnis dieser Darlegungen muss man die eingangs gestellte Frage wohl mit „Nein“ beantworten. Nach Lage der Dinge gibt es bisher keine belastbaren Hinweise oder Fakten, die einen Besuch von Marlene Dietrich beim Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess vor 75 Jahren belegen (es sei denn, neue Nachweise tauchten noch auf).
Die einzige Verbindung zum Nürnberger Prozess ist wohl der Auftritt von Marlene Dietrich im Film „Das Urteil von Nürnberg“. Allerdings thematisiert der Film nicht jenen ersten, sondern einen Nachfolgeprozess.

Alle Fotos © Die Marlene Dietrich Collection GmbH. Published by permission.

Literatur:
Baur, Eva Gesine (2017). Einsame Klasse – Das Leben der Marlene Dietrich.    München: Verlag C. H. Beck.

Fischer, A. (2020). E-Mail vom 02.06.2020 von Axel Fischer, Memorium Nürnberger Prozesse, Nürnberg.

Gedenkhalle Oberhausen (Hrsg.).(2016). Marlene Dietrich. Die Diva. Ihre Haltung. Und die Nazis. Oberhausen: Verlag Karl Maria Laufen. [Katalogbuch zur Ausstellung in den Gedenkhalle Oberhausen vom 12.6.2016 bis 11.12.2016].

Krösche, Heike (2009). Zwischen Vergangenheitsdiskurs und Wiederaufbau. Die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit auf den Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/46, den Ulmer Einsatzgruppenprozess und den Sommer-Prozess 1958. Phil. Diss., Universität Oldenburg [http://oops.uni-oldenburg.de/1913/1/krozwi09.pdf].

Polewoi, Boris (1971). Nürnberger Tagebuch. Berlin: Verlag Volk und Welt.

Riva, J. David (Ed.) (2006). A woman at war: Marlene Dietrich Remembered (Painted Turtle Books). Wayne St. Univ. Press.

Ronneburg, S. (2018). E-Mail vom 18.04.2018 von Silke Ronneburg, MDCB der Deutschen Kinemathek, Berlin.

Sudendorf, W. (2001). Marlene Dietrich. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

Thies, Heinrich (2017). Fesche Lola, brave Liesel. Marlene Dietrich und ihre verleugnete Schwester. Hamburg: Hoffmann und Campe.

Wolf, M. (2006). Chapter pp. 95-101. In: Riva, J. David (Ed.) (2006). A woman at war: Marlene Dietrich Remembered (Painted Turtle Books). Wayne St. Univ. Press.

 

Anmerkungen:
[1]https://de.wikipedia.org/wiki/N%C3%BCrnberger_Prozess_gegen_die_Hauptkriegsverbrecher

[2] http://lastgoddess.blogspot.com/2017/07/einsame-klasse-by-eva-gesine-baur-review.html

[3] Aus der Angabe „sechster Prozesstag“ rekonstruierte Baur das genaue Datum, den 27.11.1945 http://www.zeno.org/Geschichte/M/Der+N%C3%BCrnberger+Proze%C3%9F/Hauptverhandlungen

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Markus_Wolf

[5] https://museen.nuernberg.de/memorium-nuernberger-prozesse/

[6] https://www.deutsche-kinemathek.de/de/sammlungen-archive/sammlung-digital/marlene-dietrich-collection-berlin

[7] https://www.uso.org/stories/2368-uso-camp-shows-d-day-and-entertaining-troops-on-the-european-front-lines-in-wwii