Eugen Szatmari: Nosferatu (1922)

Anzeige für die Uraufführung von Nosferatu

Im Marmorsaal am Zoo hat man am Sonnabend abend das Gruseln gelernt. Der Nosferatu trieb dort seine Spiele. Der Nosferatu ist ein menschliches Vampirwesen, das in einem verwunschenen Karpathenschloss wohnt und Blut saugt. Dieses wird angedeutet dadurch, dass es lange dünne Fledermausfinger hat und eine geklebte Vampyrnase. Außerdem hat es zwei spitze, lange Vorderzähne, mit denen es

sein Opfer am Halse anzapft, um ihm das Blut auszusaugen. Nebenbei bemerkt, verbreitet esüberall, wo es hin tritt, die Pest und braucht nirgends auf eine Klinke zu drücken, da sich alle Türen von selbst vor ihm öffnen. Dieser fürchterliche Nosferatu, der im bürgerlichen Leben Graf Orlok heißt und dessen Bekanntschaft der Filmverfasser Henrik Galeen in einem englischen Hintertreppenroman von Bram Stoker gemacht hatte, wendet nun seine Aufmerksamkeit nach der Stadt Wisborg. Sein dortiger Famulus, ein Häusermakler, schickt ihm als neues Opfer den jungen Hutter. Bevor aber noch Hutter an Blutverlust zugrunde ging, entdeckt der gräfliche Vampyr, dass er eine sehr appetitliche Frau zu Hause gelassen hat, und deshalb beschließt er, sich nach Wisborg zu begeben. Er tut es zu Schiff. Während der Reise saugt er allen Matrosen samt Kapitän das Blut aus, so dass die Bark menschenleer, nur von dem Todesatem des Nosferatu betrieben, anlangt. Mit ihm kommt die Pest. Ratten verbreiten ihn (frei nach Hasenclever). Die Menschen sterben in Massen. Bis nicht eine sündlose Frau, Hutters Gattin, dem Vampyr zum Opfer fällt und dadurch die Stadt erlöst …. Vorhang.

Das Fest des Nosferatu – Programmablauf
BZ am Mittag 26.Februar 1922, Nr. 57

Das Manuskript Galeens ist nicht besser als der Roman, aus dem er geschöpft hat. Aber der Film ist etwas ganz anderes – ein Verdienst des Regisseurs F. W. Murnau. Der Film ist wirklich gruselig, erinnert manchmal an Poe, manchmal an Boutet [Frédéric Boutet, französischer Autor], bietet Bilder, die erschauern lassen, bringt Spannung und dürfte manchem Zuschauer einen schweren Traum verursachen. Einige Male freilich merkt man, dass es von dem Gruseligen zum Lächerlichen nur ein Schritt ist. Aber das kommt selten vor – etwa, wenn da ein Leichenwagen herumrast, oder der Nosferatu mit seinen Särgen wie in einem Trickfilm herumrennt. Sonst ist die Stimmung einheitlich. Die Darstellung ist zu loben, allen voran Gustav von Wangenheim, voll jugendlicher Frische und Kraft in der Rolle des Hutter, und Alexander Granach, voll teuflischer Groteskheit als Häusermakler und Zauberlehrling. Der Nosferatu selbst, Max Schreck, hat nur die Aufgabe, schrecklich auszusehen, und wird dessen restlos gerecht. Greta Schröder ist zart und sentimental, Ruth Landshoff, John Gottowt und Wolfgang Heinz leisten in kleinen Rollen sehr Gutes. Die Bauten und Kostüme Albin Graus
haben sich in das Milieu des Schrecklichen sehr gut eingefügt.
Das Fest, das Vorspiel, die nachfolgende Tanzpantomime und der Ball waren gänzlich überflüssig und haben nur störend gewirkt.
Eugen Szatmari in Acht Uhr Abendblatt, 6. März 1922, Nr. 56

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