Marlene in der DDR (1965)

Vorbemerkung:

Amiga-Edition 1965

Die folgenden Briefe wurden mir in Kopie von einer guten Seele etwa im Jahr 1990 übergeben und sind seit der Zeit im Archiv der MDCB. Marlene Dietrich ist nie in der DDR aufgetreten. Dass das amerikanische Außenministerium einen Auftritt von Burt Bacharach in Ost-Berlin verhindert hat, hat Burt Bacharach in seinen Memoiren bestätigt.

Einige Anmerkungen zu den Personen:
Der Genosse Professor Hager ist Kurt Hager (1912 – 1998), Leiter der Abteilung Kultur im Zentralkommittee (ZK) und Politbüro des ZK der SED – also der amtierende Kulturminister der DDR.

Jost Prescher (1930 – 2000) war von 1963 – 1969 Leiter der Handelsvertretung der DDR in Grossbritannien

Harry Költzsch war Direktor der VEB deutsche Schallplatten und unterstand dem Ministerium für Kultur.

Dieter Heinze (1928 – 2005) war von 1963 – 1969 stellvertretender Leiter der ZK-Abteilung Kultur

Siegfried Wagner war von 1957 bis 1966 Leiter der Kultur im ZK der SED.

Das von  Jost Prescher beanstandete Lied „Berlin Berlin (Das ist Berlin wie’s weint, das ist Berlin wie’s lacht) ist von Willi Kollo (1904 – 1988). Es wurde auf der Amiga-Edition ersatzlos gestrichen.
Das Cover der Platte wurde geändert.
Zu einem Auftritt Marlene Dietrichs in der Hauptstadt der DDR kam es nicht.

 

 5.2.65

 

Lieber Genosse Hager
In der Anlage übersenden wir Dir eine aufschlußreiche Information über ein Gespräch unserer Handelsvertretung in Großbritannien mit Marlene Dietrich.
Aus dem Gespräch geht hervor, daß sich Marlene Dietrich nach wie vor mit aller Entschiedenheit gegen faschistische Bestrebungen wendet und von sich aus bereit ist, nichts zu tun, was zu den grundsätzlichen Auffassungen unserer Republik über die Lage in Deutschland in Widerspruch steht.

Aus dem Brief ergeben sich zwei praktische Maßnahmen :
1. Marlene Dietrich erwägt die Möglichkeit, in Mai oder Juni nach Berlin zu kommen. Wir haben uns mit dem Ministerium für Kultur dahingehend verständigt, daß durch Organe des Ministeriums für Kultur die Verhandlungen dazu aufgenommen werden. Nach Möglichkeit soll ein Auftreten um den 8. Mai herum erreicht werden. Die Programm-Konzeption ist so anzulegen, daß Marlene Dietrich nicht nur Chansons aus den 20-iger Jahren singt, sondern auch neuere in ihrem Repertoire befindliche antimilitaristische Lieder.
2. Die von Marlene Dietrich angebotene Schallplatte mit Berliner Liedern soll von uns übernommen werden unter einer Bedingung: Es ist darin ein neues Lied eines Westberliner Komponisten enthalten. Dadurch ergibt sich für die Gesamtplatte eine solche Konzeption, als würde Berlin nur durcb Westberlin repräsentiert. Aus diesem Grund wird der VEB Deutsche Schallplatten Marlene Dietrich diesen Sachverhalt erklären. Das Ziel soll sein, entweder dieses Lied herauszunehmen oder Frau Dietrich anzubieten, einige Lieder über unser neues Berlin mit aufzunehmen anstelle des jetzt darin enthaltenen über Westberlin. Sollte keine der beiden Möglichkeiten in Frage kommen, verzichtet VEB Schallplatten auf die Herausgabe. Die Schallplattentasche dazu wird von uns gestaltet und gibt die Möglichkeit einer entsprechenden Kommentierung.

Hit sozialistischem Gruß

Heinze
Stellv. Abteilungsleiter

 

Handelsvertretung                                                                        Streng vertraulich!

Grossbritannien

An den Leiter der Abteilung Kultur im ZK, Genossen Wagner                30.1.1965

Werter Genosse Wagner

Beiliegenden Vermerk möchte ich zur Kenntnisnahme  uebersenden mit der Bitte, sich eventuell einzuschalten, um eine sofortige Entscheidung des VEB Deutsche Schallplatten herbeizuführen, weil ich sonst nicht mehr die Möglichkeit habe, mit Frau Dietrich weiter zu verhandeln.
Mit sozialistischem Gruß
Prescher (Leiter der Hvt)

Vermerk

Bei meinem letzten Aufenthalt in Berlin wurde ich darum gebeten zu versuchen, mit Frau Marlene Dietrich anlaesslich ihres Aufenthaltes in London Verbindung aufzunehmen mit dem Ziel, sie fuer oin DDR-Gastspiel zu gewinnen. Zu einem spaeteren Zeitpunkt bat mich der Direktor des VEB Deutsche Schallplatten noch darum, bei dieser Gelegenheit die Vergabe von Schallplattenrechten an die DDR zu klaeren. Ich nahm im Laufe des Dezember telefonisch Kontakt zu ihr auf und besuchte Frau Dietrich am 21.1.1965 in Begleitung meiner Frau in ihrer Londonor Wohnung: Sie hatte mich eingeladen, um mir das Band der Platte „Berliner Lieder“ vorzuspielen, da sie diese, wie versprochen, dem VEB Deutsche Schallplatten anbietet. ( Der Direktor der VEB hatte mich vorher am Telefon gebeten, mich um die Rechte fuer die Platte zu bemuehen;) Frau Dietrich empfing uns allein, und war ausserordentlich freundlich. Im Folgenden soll der Verlauf der Untorhaltung wiedergegeben werden, weil er fuer uns von politischom Interesse ist:

Polydor Edition

Frau Dietrich erklaerte, dass sie diese Platte mit den Berliner Liedern als ihre schoenste Platte betrachtet. Diese Lieder aus don 20ziger Jahren singt sie zum Teil aus der Erinnerung. Sie hat sich sehr gefreut, dass sie auch Texte aus der DDR dafuer bekam. Die Texte der meisten Lieder beschreiben Ostberlin, denn sohliesslich sei das „das wahre Berlin gewesen, wo Zille und die einfachen Menschen lebten“. Dann zeigte sie uns eine Tasche, die sie fuer die Platte selbst gestaltet hat. Die Tasche zeigt als Schrift : „Marlene singt Berlin, Berlin“ und eine farbige Dreiteilung in grauen Toenen in der Waagerechten. Ich nahm die Gestaltung zum Anlass und bat, eine. Kritik üben zu dürfen. Ich sagte ihr, dass die westdeutschen und westberliner Nazis diese Dreiteilung als Charakterisierung der Mauer bezeichnen könnten, um daraus wieder politisches Kapitel zu schlagen. Daraufhin sagte Frau Dietrich sofort “ Wenn das der Eindruck ist, dann aendere. ich die Tasche sofort, trotzdem ich eine Woche daran gearbeitet habe. Ich wollte damit nur die Häuser kennzeichnen. Ich habe aber nicht die Absicht, den Faschisten Schießpulver zu liefern. Ich habe die Mauerdiskussion satt und bin von Anfang an dagegen aufgetreten. Ich sage immer meinen Freunden in den USA, hier und überall: Jeder hat im Leben seine Mauern und keiner kann ueber sie hinwegspringen, oder er wird dafuer bestraft. Ich habe auch meine Mauer. Ich kann verstehen, dass sie eine Mauer gebaut haben.“
Darauf aufbauend ergab sich eine politische Diskussion von über einer Stunde. Im Zuge der Unterhaltung erzählte Frau Dietrich Folgendes : Sie zählte sich zu den Freunden von Kennedy und sie hat ihn mehrfach, besonders nach ihrer Reise nach Westdeutschland, darauf aufmerksam gemacht, wie stark die Nazis in Westdeutschland wieder sind und ihn beschworen, etwas dagegen zu tun. Kennedy habe ihr versprochen, das in Ordnung zu bringen und nun haben ihn die Nazis selber umgebracht. Bei Ihrer Konzertreise durch das Rheinland haben die grossen Konzerne Blöcke von loo Karten aufgekauft, sodass sie vor leeren Häusern singen musste. Sie hat viele Briefe erhalten, in denen sie als Verraeter beschimpft wurde. Ständig war eine Herde von Verfassungsschutzbeamten um sie herum, um sie zu schuetzen. Alle alten Nazis seien wieder zurueck in ihren alten Funktionon. Sie ist natuerlich keine reiche Frau und muss deshalb auch mit den Einkünften aus dem.westdeutschen Markt rechnen, trotzdem sie das ungern tut. Sie sagte woertlich : “In der Leitung von Electrola sitzen nur Nazis“: Sie haben Ihr seit 3 Jahren noch nicht einen Pfennig Abrechnung fuer Ihre Platte bezahlt. Wahrscheinlich weil sie ein paar mal gesagt hat, dass dort alte Nazis sind. Sie war begeistert von Moskau und Warschau und erzählt überall in den USA davon. Die Menschen dort glauben ernsthaft, dass die sowjetischen Menschen in Socken laufen. Die Amerikaner seien von der Propaganda völlig verdummt. Mit Elisabeth Bergner. und Kortner, die heute ständig in Westdeutschland spielen, habe sie immer Diskussionen darüber, dass sie doch für dieselben Nazis spielen, die ihnen viel Leid zugefügt haben , Ihr wurde angeboten in einer Galavorstellung in Westdeutschland aufzutreten, in der auch Minister anwesend sein werden: Man wollte ihr 4.000 Dollar dafuer geben, sie habe jetzt 12.000 Dollar verlangt, denn die sollen wenigstens schwer bezahlen. Aber sie habe auch grosse Ausgaben und müsse sehen, dass sie da und dort auftreten könne. In dem Zusammenhang möchte sie uns sagen, wie es gekommen ist, dass sie nicht in die DDR kommen konnte. Als sie in Westdeutschland war, hatte sie sich entschlossen, in die DDR zu fahren. Ihr Dirigent Bacharach, der amerikanischer Staatsbürger ist, wurde jedoch von den zuständigen amerikanischen Behörden gewarnt. Weil er ein junger Mann ist, bat er Frau Dietrich, das State Department. zu fragen. Es sprach dann de facto ein Verbot fuer ihn aus; sie aber konnte ohne ihn nicht auftreten. Wenn sie nach Berlin komme, würde sie selbstverständlich in der Hauptstadt der DDR wohnen. Sie fragte dann, ob es nicht ginge, dass Bacharach dann in Westberlin in ein Hotel ziehen könne, damit er keine Schwierigkeiten habe. Bei diesem Punkt kam ihr der Gedanke, dass sie eigentlich auch mit Bert Grund kommen könne, einem Muenchener, der sie bei den „Berliner Liedern“ begleitet. Dann könnte sie einige Berliner Lieder singen und auch einige andere. Grund sei Westdeutscher und habe doch keine Schwierigkeiten.
Zu diesem Punkt sagte ich ihr, dass es unseren Menschen leid tut, dass sie noch nicht in der DDR war, weil sie als antilaschistisch bekannt sei. Daraufhin ueberpruefte Frau Dietrich Ihren Terminkalender und sagte, dass im Mai oder Juni Zeit sei, nach Berlin zu kommen. Ich bemerkte darauf, dass em 8. Mai der 20. Jahrestag der Kapitulation Hitler-Deutschlands sei. Sie versprach dann zu ueberpruefon, ob sie eine andere Verabredung so änderm könne, dass sie am 8.5. in Berlin ist. (Ich moechte betonen, dass es sich noch nicht um eine feste Zusage handelt!) Ich halte es fuer ziemlich sicher, dass sie in diesem Jahr noch kommt Sie gab mir dann das Band mit den Berliner Liedern, damit ich es schon mal nach Berlin zum Anhoeren schicke. Sie sagte mir auch, dass sie sofort bereit sei, den Vertrag zu unterschreiben, ebenso wolle sie gleich an Electrola schreiben, uns die Wiedersehen Platte zu geben. Dazu erklärte sie noch, dass wenn. wir hinsichtlich der Taschengestaltung für die Berliner Lieder andere  Auffassungen haetten, sie es uns völlig überlassen werde, welche Tasche wir nehmen.
Am 24.1.1965 habe ich das Band mit Kurier an Genossen Koeltsch geschickt mit der Bitte, mir sofort den Vertrag zuschicken, damit ich ihn unterschreiben lassen kann, da Frau Dietrich spaetestens an 3./4.2. von bier wegfaehrt. Genosse Koeltsch hat mir jedoch bis heute noch nicht den Auftrag gegeben, den Vertrag von Frau Dietrich unterschreiben zu lassen,

London, 30.1.1965.

Prescher. Leiter der HVt