Eugen Tannenbaum: Dr. Mabuse, der Spieler

Der Film, in seinem eigentlichen Sinn erfasst, ist bewegtes Abbild der Gegenwart, ist sensation, Abenteuer, abrollend in rasendem Tempo, konzentrierter Zeitgeist, Spiel und Spiegel des Lebens. Aus dieser Erkenntnis heraus hat der Regisseur Fritz Lang den neuen Uco-Film der Decla-Bioscop Dr. Mabuse, der Spieler entwickelt, unterstützt durch Thea von Harbou, die die Begebenheiten des zuerst in der „Berliner Illustrirten Zeitung“ und dann als Ullsteinbuch erschienenen Romans von Norbert Jacques, dem Bewegungscharakter des Ganzen entsprechend, mit sicherem Griff ungebildet hat.
Nicht der Handlungsgang ist entscheidend für den Erfolg dieses Werkes, das in seiner mitreissenden Wildheit die geschlossene Form des Dramas sprengt, sondern die Episode, nicht das Geschehen in seiner Totalität, sndern symbolhafte Einzelgeschehnisse als lebendigster Ausdruck der zeit, zusammengehalten durch zielbewussten künstlerischen Gestaltungswillen, durch Rhythmus und Tempo, durch Stil und Stimmung. Zusammenballung von Tanz und Verbrechen, von Spielwut und Kokainseuche, von jazz-band und Razzia. Kein wesentliches Symptom der Nachkriegsjahre fehlt. Börsenmanöver, okkultistischer Schwindel, Straßenhandel und Prasserei, Schmuggel, Hypnose und Falschmünzerei, Expressionismus und Mord und Totschlag. In diesem frechen taumel einer entmenschten Menschheit gibt es keinen Sinn, keine Logik – nur Spiel. Aber während die anderen ihm am Bartisch frönen, spielt Dr. Mabuse mit Menschen und Menschenschicksalen. Alles andere ist ihm nur Mittel zum Zweck. Ein genialer Verbrecher in unzähligen Masken und Verwandlungen. Als kühler Börsenschieber im Chaos der Kurse, als betrunkener Matrose und Besitzer einer Falschgeldwerkstatt, als eleganter Lebemann im Spielklub und als professoraler Tapergreis. Sein Wille beherrscht alles und alles. Sein Blick ist befehl, dem sich keiner entziehen kann, der in seinen Bannkreis tritt. Nicht auf geldgewinn und Ausbeuterei kommt es ihm an, sondern darauf, die Menschen zum Werkzeug zu machen seiner Herrschergelüste, seiner Bezwinger-Gier.
Dr. Mabuse ist Rudolf Klein-Rogge. Er hat den hypnotischen, faszinierenden Blick für diese Rolle, der die Menschen lähmt und sie in seinen Willen bannt, und der es versteht, die zahlreichen Verwandlungen, die sein Abenteuerleben erfordert, glaubhaft zu machen.
Es war eine glückliche Idee, die Gestalten dieses Films nicht mit individuellen Zügen auszustatten, sondern sie als typische Vertreter einer gewissen Schicht aus dem Leben unserer Zeit zu kennzeichnen: den Schwächling und Kokainisten Spoerri (Forster-Larringa), den bedeutungslosen Millionärssohn Hull (Paul Richter), die willfährigen Kreaturen Georg und Pesch (Hans A. v. Schlettow und Georg John) und alle die anderen Glücksritter, Dirnen und Schieber, die durch diesen Film gejagt werden, die Schülerin des großen Spielers, die Tänzerin Cora Carozza (Aud Egede Nissen) und Gertrude Welcker als Gräfin Told, mit schweren Lidern über müden Augen, mit der lässigen Geste einer resignierenden Natur, melancholisch, zart, ihr morbider gatte Alfred Abel und der nüchtern, korrekte Staatsanwalt von Wenk (Bernhard Goetzke), der einzig und allein das Rechtsempfinden verkörpert.
Aber nicht nur die Menschen sind typischer Ausdruck unserer Tage, sondern auch ihre Lebensformen, die Umwelt, in der sie auftauchen. So gewinnt das Szenische des Films, die Architektur, eine staunenswerte Leistung der Architekten Stahl-Urach und Otto Hunte, erhöhte Bedeutung: die expressionistischen Räume des gräflichen Kunstmalers Told, die bizarre Ausstattung eines ebenso mondänen wie heimlichen Spielklubs, die nüchterne Amtsstube des Staatsanwalts, Kaschemmenviertel und Luxushotel.
Die Technik des Kurbelapparats (die glänzende Photographie Karl Hoffmanns) feiert Triumphe in diesem Film. Zum ersten Male hat das Problem erleuchteter nächtlicher Straßen seine Lösung gefunden. Unerhört, wenn die leuchtenden Augen rasender Autos durch die Ncht funkeln, wenn ein Hochbahnzug vorübersaust, der zuerst verschwommene, dann immer klarer werdende Blick durch ein Opernglas auf die Varietébühne, die Nuancierung von Licht und Schatten – das allein macht dieses gekurbelte Zeitbild , dessen erster teil gestern im Ufa-Palast am Zoo mit großem Beifall aufgenommen wurde, schon sehenswert. Verblüffend auch die Art, wie einmal der Zwischentitel als lebendiges Ausdrucksmittel benutzt wird, wie der hypnotisierende Blick Dr. Mabuses nicht nur seine Opfer, nicht nur seine Opfer, sondern auch das Publikum unter seine Macht zwingt, wie seelische Vorgänge nach außen projiziert werden. Alles in allem eine glückliche Vereinigung von Kunst und Kino, von Kultur und Technik.
In: BZ, 28. 04. 1922